Streusalz – ein notwendiges Übel

Kaum sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt, hat das Team des Winterdienstes alle Hände voll zu tun. Ein Tauziehen zwischen wachsendem Umweltbewusstsein und winterlicher Notwendigkeit.

Sobald Schnee fällt, muss der Winterdienst abwägen. Für Zollikon und Zumikon bleibt die Schwarzräumung meist die einzige Option. (Bild: cef)

Der Wecker hat noch nicht einmal geklingelt, die Nacht hält Dorf und Flur im Griff. Doch schon brummen und scheppern Schneemaschinen durch die Strassen. Emsig räumen die Männer vom Winterdienst die wichtigsten Routen, bevor das geschäftige Treiben in Zumikon und Zollikon einkehrt. Mal räumen sie lediglich die weissen Massen beiseite, mal salzen sie hinterher, um Glatteis zu vermeiden. Streusalz geniesst in Zeiten von ökologischem Engagement keinen guten Ruf, doch hier im Mittelland scheint es kaum wegzudenken. Zumindest nicht vollständig.

Versalzene Wiesen?

Keine Frage: Zu viel Salz bedeutet für die Umwelt und ihre Organismen Stress. Doch Salz ist auch ­lebensnotwendig. Es gilt, eine Balance zu halten. Salzschäden an Pflanzen zeigen sich beispielsweise durch verfärbte Blattränder. Nicht nur direkter Salzkontakt belastet eine Pflanze, sondern auch das im Bodenwasser gelöste Salz, was bei einem Zuviel – aber eben auch bei einem Zuwenig – die inneren Pflanzenorgane schädigen kann.

Der Winterdienst streut in einer durchschnittlichen Saison acht bis zehn Gramm Salz pro Quadratmeter pro Einsatz. Reicht das, um die Vegetation entlang von Strassen und Wegen zu schädigen? Adi Imeri, Leiter des Unterhaltsdienstes Zollikon, glaubt das nicht. «In meinen 30 Jahren beim Winterdienst ist mir nie ein Rasen untergekommen, der wegen unseres Streusalzes kaputt gegangen wäre.» Gestreut werde ja erst, nachdem der Schnee beiseite geräumt ist. Und bei Regen- oder Tauwetter fliesse das Wasser mit dem Salz in die Kanalisation.

Laut Thomas Kauflin, Gemeindeschreiber von Zumikon, kommt es ab und an bei Pflanzen nah am Strassenrand zu bräunlichen Verfärbungen – dem könnten die Besitzer mit einfachen Schutzfolien entgegenwirken. Alles in allem sind auch ihm keine gröberen Schadensmeldungen bekannt.

Weniger Streusalz als vor ein paar Jahren

«Nur so viel wie nötig – so wenig wie möglich», sagt Thomas Kauflin und spricht damit für Zumikon wie für Zollikon. Beide Gemeinden ­bemühen sich, Streusalz auf ein Minimum zu beschränken. Seit rund zwei Jahren setzt der Winterdienst anstelle reinen Salzes sogenannte Sole ein, eine 22-prozentige Salzwassermischung, die bei Temperaturen bis −8 Grad gesprüht wird. Dies verringert den jährlichen Salzverbrauch massiv. Ein Wundermittel ist aber auch die Sole nicht; an besonders kalten Frost­tagen mit viel Schnee kommt man um reines Streusalz nicht herum. Zudem wird Sole vor allem präventiv eingesetzt. Bei unvorhergesehenen Wetterumschwüngen gilt es, schnell zu handeln, abzuwägen, ob ein einmaliger Einsatz von Sole ausreicht, oder ob es nicht besser wäre, statt zwei- oder dreimal Sole zu sprühen, gleich Streusalz einzusetzen. «Schnee ist immer weiss, aber auch immer anders», sagt Adi Imeri. Laut Thomas Kauflin variiert der Salzverbrauch von einem Winter zum nächsten von 50 Tonnen bis zu 200 Tonnen.

Keine Alternative für Zollikon und Zumikon

In alpinen Gebieten ist der Einsatz von Streusalz selten. Dort fallen noch grosse Schneemassen, und man streut Splitt. In Zürich fallen die Temperaturen zwar unter den Gefrierpunkt, die Schneemengen allerdings bleiben verhältnismässig gering. Meist bleibt nur die Schwarzräumung als Option mit anschliessendem Salzen. Die Hanglage Zollikons stellt den Winterdienst vor zusätzliche Herausforderungen. Viele Strassen würden ohne Salz zu einer Gefahr. Zwar hat man in Zollikon während dreier Jahre auf reduzierten Winterdienst gesetzt, was wiederum den Verkehrsteilnehmenden nicht gefällt.

Wir mögen vom weissen Wintermärchen noch so verzaubert sein, für Autofahrer mutiert eine sparsam geräumte Strasse mitunter ­zur Spiessrutenfahrt. Auch die Fussgänger sind vor Glätte nicht sicher: Verletzt sich jemand infolge eines Sturzes, werden rasch Schuldzuweisungen laut. Adi Imeri appelliert an die Eigenverantwortung: «Passen Menschen ihre Fahrweise und ihr Schuhwerk den Wetter­verhältnissen an, passiert auch weniger.»

Für die einen kann nicht genug ­geräumt und gesalzen werden, für die anderen ist der kleinste Eingriff in die winterliche Pracht ein Frevel. Bei der Arbeit des Winterdienstes reichen sich Umweltbewusstsein und das Bewusstsein für die öffentliche Sicherheit die Hand: Ganz ohne Salz geht es nicht, aber unser Winterdienst bemüht sich, den Salzverbrauch zu minimieren und sparsamere, ökologischere wie ­ökonomischere Massnahmen zu erproben.

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