Die Mistel und ihre Drossel

Sie steht für Liebe und Leben, lebt aber von den Nährstoffen anderer – und die Art ihrer Vermehrung über Misteldrossel und Mönchsgrasmücke ist auch keine Bilderbuchromanze.

Kerzenschein. Im Hintergrund klingt «Last Christmas». Ihre Blicke treffen sich. Über ihnen ein Mistelzweig. Dann ein leidenschaftlicher Kuss – «Last Christmas» schwillt zum Crescendo. Wie romantisch! Der Mistelzweig steht für Liebe und Begierde, für Glück und das Versprechen, den oder die Richtige gefunden zu haben. Der Mistelzweig über dem Eingang. An die Decke genagelt. In ein Arrangement gesteckt. Im Grünabfall.

Baldurs Schicksal

Bei den Griechen und Kelten galt die Mistel als Zeichen der Götter – immerhin wächst sie zwischen Himmel und Erde. Ein Symbol der Fruchtbarkeit. Ein Zweig an der Haustür als Schutz vor bösen Geistern. Doch es war ausgerechnet die Mistel, die heilige Pflanze der Liebesgöttin Frigga, die Friggas Sohn tötete, den scheinbar unbesiegbaren Baldur der nordischen Mythologie. Frigga liess zwar jede Pflanze und jedes Tier schwören, Baldur keinen Schaden zuzufügen, vergass aber die Mistel, die weder auf der Erde noch im Himmel wächst. Als Frigga Baldurs Tod beweinte, verwandelten sich ihre Tränen in weisse Beeren. Und die Mistel versprach, fortan nie wieder jemandem zu schaden – und jene, die unter ihr stünden, sollen sich küssen.

Auch die Naturheilkunde entdeckte in der «vom Himmel gefallenen» und «von der Entweihung durch die Erde» geschützte Pflanze geheimnisvolle, heilende Kräfte. Sie mache fruchtbar und bekämpfe jedes Gift. Selbst im Kampf gegen Krebs wird sie noch heute eingesetzt. Schliesslich gehört sie nebst Nordmanntanne und Adventsstern zur traditionellen Weihnachtsdekoration.

Porträt einer Scheinheiligen

Eine heilige Pflanze? Vom Himmel gefallen? Die keine Wurzeln ins dunkle, schmutzige Erdreich treibt und dem Himmel näher scheint als der Erde? Natürlich hat auch die Mistel Wurzeln. Diese treibt sie nicht in die Erde, sondern in andere Pflanzen: in Apfelbäume, Weiden, Hainbuchen, Birken, Pappeln, Linden, Ahorne und Robinien. Die Wissenschaft unterscheidet drei Unterarten: Laubholz-, Tannen- und Föhrenmisteln. Jede Mistel hat ihren Lieblingswirt. Die europäische Mistel, namentlich die Weissbeerige Mistel (Viscum album), ist ein Schmarotzer. Ihre Saugwurzeln – die Haustorien – treibt sie ins Leitsystem ihres Wirts, wo sie Wasser und Nährstoffe zapft. Immerhin produziert sie über Photosynthese einen Teil der Nährstoffe selbst. Terminologisch korrekt ein Halbschmarotzer: Ohne die Bäume könnte sie nicht, die Bäume jedoch könnten ohne Mistel gut, gar besser. Die Mistel, auf ihren Wirtsbaum angewiesen, möchte ihm zwar nicht schaden, ist dieser aber zu stark befallen, schwächen sie ihn so, dass er anfällig auf weitere Parasiten ist. Da die Misteln ihre Wurzeln tief ins Bauminnere treiben, hilft blosses Schneiden nicht: Sie würden einfach von Neuem ausschlagen. In der Schweiz und auch in Zürich sind die Parasiten lokal zum Problem geworden; betroffen sind meist die wirtschaftlich bedeutsamen Obstbäume.

Beziehung der besonderen Art

Hauptverbreitungsgebiet der weltweit 70 bis 120 beschriebenen Arten liegt im südlichen Afrika. Die Weissbeerige Mistel bildet kugelige, nestähnliche Strukturen, die einen Durchmesser bis zweieinhalb Meter erreichen. Je älter eine Mistel, desto vielzähliger sind ihre gleichmässig gabeligen und teils verholzten, doch brüchigen Triebe. Zur ­Bestäubung dienen Insekten. Auch zur Verbreitung der Samen braucht die Mistel Hilfe.

Pro Mistelbeere ist ein einziger Same in einer schleimig klebrigen Substanz (Viscin) eingebettet. Misteldrosseln, Mönchsgrasmücken und vorbeiziehende Seidenschwänze fressen die Beeren besonders gern – und scheiden die Samen andernorts wieder aus. Samen und Viscin sind unverdaulich und bleiben an Ästen und Stämmen kleben. Oder die Vögel versuchen ihre Schnäbel vom klebrigen Viscin zu befreien und streifen so die Samen ab. Passen die Bedingungen, ist das Resultat dasselbe: Eine junge Mistel keimt.

Beste Freundin der Mistel

In der Adventszeit liegt die Hauptblütezeit der Mistel. Für die Misteldrossel ein Segen. Während sie sich in den warmen Monaten von Insekten, Schnecken und Würmern ernährt, entwickelt sie in der Winterzeit eine Vorliebe für Sämereien und Beeren aller Art. Die klebrig-schleimige Mistelbeere mag sie ­besonders. Sie zählt nebst der Mönchsgrasmücke zu den Hauptverbreitern der Weissbeerigen Mistel. Diese stünde ohne die Singvögel schlecht da. Andersrum ist die Misteldrossel nicht auf die Mistel angewiesen, da ihr Ernährungsplan ausreichend divers ist.

Die Misteldrossel ist unsere grösste Drosselart. Auch in Zollikon und Zumikon sind ihre melancholisch flötenden, kurzen Gesangsstrophen zu hören. Laut Elisabeth Laine vom Ornithologischen Verein Zollikon gibt es vor allem «oberhalb des ­Rumensees am Waldrand und gegen die Allmend Fichtenstellen, wo sie vor allem im Winter gehört oder gesichtet werden können.» Die ergiebigste Stelle fand sie im Zollikerberg, im Tannenwald zwischen dem Wehrenbach und der Grenze zu Witikon und Pfaffhausen. «Dort habe ich sie wiederholt in grosser Anzahl gehört und gesehen, allerdings ­immer mit gutem Abstand in den Baumwipfeln; sie haben eine ziemlich grosse Fluchtdistanz.» ­Elisabeth Laine hat mit Ursula Sommer an der Rossweid vorbei den Hinteramtweg bewandert und beim Fritigsächer im Zollikerberg ganze Schwärme von Misteldrosseln getroffen.

Daten aus dem Jahr 2008 von BirdLife Zürich zeigen eine Zunahme der Misteldrosselbestände. Jüngere Daten fehlen, die Situation könnte sich also wieder geändert haben. Diana Marti vom Naturnetz Pfannenstil bestätigt, dass zumindest die Mönchsgrasmücke auf dem Vormarsch ist. Sie und die Misteldrossel profitierten von den beerenreichen Wildhecken, die das Naturnetz Pfannenstil fördere. Der Bruterfolg der Vögel, insbesondere der Misteldrossel, sei allerdings kaum von den Mistelbeeren abhängig, da die Tiere im Frühjahr brüten, wenn haufenweise Insekten umherschwirren.


Alle paar Wochen aus der Natur

Ein Jahr lang hat der Zolliker Zumiker Bote in unregelmässigen Abständen einen Blick in die Tier-, Pflanzen- und Pilzwelt ­geworfen. Eins steht fest: Unsere wilden Nachbarn sind voller Überraschungen. Wissen Sie, wer da mit kräftigem Schnabel und glänzenden Federn im Futterhäuschen hockt? Vielleicht entdecken Sie auch ihn demnächst einmal in dieser Zeitung.

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