Ein Krokodil namens Tschaikowski

Rosmarie Schnorf: von der Poststation am Zolliker Bahnhof in den Senegal, nach Togo und Brasilien.

Rosmarie Schnorf orientiert sich an den schönen Momenten im Leben. (Bild: bms)

Das grosse Sofa steht so, dass der Blick perfekt über den Fussballplatz auf die Alpen in der Ferne gleiten kann. Die Sonne geht gerade unter und taucht die Gipfel in ein rosafarbenes Licht. Rosmarie Schnorf erfreut sich an dem Anblick und kennt nebenbei fast alle Namen der Berge. Grundsätzlich freut sich die 91-Jährige lieber, als dass sie lamentiert. Sie schaut lieber auf die zahlreichen rosafarbenen Stunden in ihrem Leben. Ja, aktuell braucht sie für längere Strecken den Rollator. Viel wichtiger aber ist: Die kurzen Wege in ihrer Küche gehen ohne Hilfe. Ja, in den Händen und Füssen kribbelt und schmerzt es manchmal. Aber mit Physiotherapie ist alles wieder besser geworden. Erzählt Rosmarie Schnorf aus ihrem Leben, dann funkeln die Augen, und mit den schmalen Händen und Fingern ­unterstreicht sie die Worte noch lebhaft.

Mehr als Pakete annehmen

Im Aargau geboren, absolvierte sie nach der Schule eine Ausbildung bei der Post, am Schalter und im Büro. Und weil sie danach etwas Neues sehen wollte, bewarb sie sich mit 19 Jahren erfolgreich in Zollikon. «Bei der Post hier lernte ich auch meinen Mann kennen – und das Glück begann. Wir bekamen zwei Söhne, die beide studierten.» Leider verstarb ein Sohn viel zu früh. In diesem Jahr hätte das Paar seinen 70. Hochzeitstag gefeiert, die so genannte Gnadenhochzeit. Doch Ruedi Schnorf ist vor zwei Jahren verstorben. «Wir durften so viele Jahre glücklich miteinander verbringen. Ich beschwere mich nicht.»

Das Paar hat nicht nur glücklich gelebt, sondern auch glücklich zusammengearbeitet. Lange Jahre führten sie die Poststation am Zolliker Bahnhof. Als die Buben noch klein waren, half Rosmarie Schnorf ab und zu in der Ferienzeit aus. Als das Vorgängerpaar dann in Rente ging, übernahm sie mit ihrem Mann die Stelle. Das war seinerzeit mehr als Briefmarken verkaufen und Päckchen entgegennehmen. «Wir kannten fast alle unsere Kunden mit Namen. Ein Schwätzchen gehörte immer dazu», erinnert sich die Seniorin. Viele seien auch gekommen, um sich von ihrem Mann Reisetipps geben zu lassen. «Reisen war sein grosses Hobby», schwärmt Rosmarie Schnorf. In China war das Paar, in Südamerika, in den USA und sehr oft im westlichen ­Afrika. Sie bereisten den Senegal, waren in Togo und an der Elfenbeinküste. Ruedi Schnorf stellte die Reisen individuell zusammen, buchte Flug, Hotel, Mietwagen und Ausflüge. «Es hat immer alles funktioniert», resümiert sie. Im Rückblick allerdings hätten sie manches Mal gedacht: Wie konnten wir nur? Mit einem Funkeln in den Augen erzählt sie von einem Ausflug in Brasilien. Auf einem Floss ging es über den Fluss, ein Krokodil – das sie Tschaikowski getauft hatten – wurde mit Frühstücksspeck gefüttert. Später badeten sie zwischen fliegenden Fischen. Und wieder war ein kleines Krokodil in der Nähe. «Ich hatte den Guide darauf aufmerksam gemacht, der meinte nur, das sei ein Babykrokodil. Ich möchte gar nicht wissen, wo die Mutter damals war», lacht sie.

Telefonnummer auf der Serviette

Auf einem Flughafen sprach eine Gruppe junger Leute das Paar an. Was sie denn so alleine hier machen würden. «Ferien», antworteten die beiden. Die jungen Ein­heimischen sorgten sich um die Touristen und notierten Telefonnummer und Adresse auf eine ­Papierserviette. «Wir sollten uns melden, falls wir Probleme bekommen sollten.» Das Ehepaar meldete sich: Nach der Rückkehr sendeten sie einen Kalender mit Schweizer Motiven und Leckereien von Sprüngli nach Südamerika.

So aufregend war das Leben in Zollikon nicht. Dafür ging der Berufsalltag mit einem grossen Fest im Foyer des Gemeindesaals zu Ende: mit Familie, Freunden, Bekannten und ehemaligen Kundinnen und Kunden. «Wir haben gegessen wie die Fürsten. Es war einfach sensationell», schwelgt die Seniorin. Das war vor 31 Jahren. «An mir hat die Pensionskasse bestimmt kein Vergnügen.» Nach 44 Jahren ging es von der Wohnung in der Bahnhofstrasse ins Blumenrain. Ruedi Schnorf war mittlerweile auf den Rollstuhl angewiesen. «Er brauchte doch Leute um sich; er war so ein Geselliger.» Auch Rosmarie Schnorf schätzt die Gesellschaft. Den Zmorgen und Znacht bereitet sie sich in ihrer Wohnung im obersten Stock des Blumenrains zu, zum Zmittag geht sie ins Restaurant im Erdgeschoss. Das Essen sei hervorragend, dazu viel unterhaltsamer.

Für reichlich Unterhaltung sorgt auch ihre Familie. Da sind mittlerweile vier Enkel und fünf Urenkel – der älteste ist 19 Jahre alt, der jüngste acht Monate. Erst kürzlich habe sie auf drei Urenkel auf­gepasst. Erst wurde gespielt und gebastelt. Dann wollten sie einen Film schauen. Die Uroma parkierte ihren Rollator neben der Couch. Als sie sich umdrehte, stand einer der Jungen vor ihr. «Er hatte mir den Rücken zugewandt und sagte, ich solle einfach meine Hände auf seine Schultern legen. Er würde mich führen. Das hat mich wirklich gerührt.» Rosmarie Schnorf gibt auch viel zurück. Vor drei Monaten liess sie sich von einer Schwiegertochter in ein Wolle-Geschäft fahren. Seitdem wird gestrickt. Zwei kleine Pullis – wunderschön mit Muster und Kapuze – sind schon fertig. ­Natürlich könne sie nicht mehr wie früher stundenlang die Nadeln klappern lassen, aber immer mal wieder zwischendurch. Das Turnen allerdings hat sie aufgegeben. 60 Jahre war sie im Frauenturnverein Zollikon. «Und als Jubilarin war ich sogar schon mal im Zolliker Boten!»

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