Ins Maul des Schnappesels

Am Donnerstag gingen sie wieder um: die Schnappesel der Schule Juch. Dieses Mal sammelten die Schülerinnen und Schüler für ukrainische Kinder, die im Altersheim Sonnenhof in Küsnacht untergekommen sind.

Schulleiter Philipp Apafi erinnert sich: Als er klein war, habe er sich vor den Schnappeseln gefürchtet. Heute beweisen Spendenwillige ausreichend Mut, der Figur etwas ins Maul zu legen. (Bild: rb)

Regen löst den Schnee ab. Kalt und trüb und nass ist es im Dorf. «Eisig!», betont ein Knabe. Aber die Mittelstufenschüler haben es fast geschafft: Der Bub und seine Gruppe sind auf dem Weg zu den letzten Häusern. Hinter ihnen klappert das Bollerwägelchen über den Pflasterstein. Darin eine Flöte, Musiknoten und natürlich haufenweise Knabbereien. Wer ebenfalls nicht fehlen darf, ist der Protagonist des Abends: der Schnappesel. Mit riesigem Maul ragt er über die roten und blauen Weihnachtsmützen hinweg. Fast wirkt er ein wenig bedrohlich, wie er, grau und stumm, das Kind, das ihn hält, unter einem Umhang verschwinden lässt.

Von Tür zu Tür

Die letzten Kinder schliessen auf und scharen sich um die Haustür, der Umhang des Schnappesels wird noch einmal zurechtgezupft, Liedstrophen rekapituliert. «Wer läutet?», fragt ein Kind das nächste. Schwingt die Tür auf, fangen sie an zu singen. Manchmal schon vorher. Manchmal erklären sie erst, wer sie sind und was sie wollen. Schliesslich ist keine Tür wie die andere; auf der anderen Seite wartet immer aufs Neue eine Überraschung. Die einen Anwohner freuen sich über den Besuch, lauschen «Leise rieselt der Schnee», rufen die Familienangehörigen zur Tür und applaudieren. Das ist der Idealfall. Meist zeigen sich diese Hausbewohner spendabel und legen Münzen oder Noten ins weit aufgerissene Maul des Schnappesels. Aber mehr noch brennen sich die anderen Begegnungen ins Gedächtnis der Kinder. «Das Licht war an, aber keiner machte auf!», entrüstet sich ein Mädchen. «Jemand hat uns die Tür vor der Nase zugeschlagen!» Dabei sammeln die Kinder ja nicht für sich selbst. Und wer kein Bargeld hat, dem machen sie es einfach: «Wir haben auch Twint», sagt ein Mädchen und zupft an ihrem Bändel mit dem QR-Code. Tradition hin oder her, der Schnappesel geht mit der Zeit.

Alte Tradition

Bereits zum 66. Mal ging der Schnappesel in Zumikon um. Eingeführt hat den Brauch Primarlehrer Hans A. Kauer in den 50er-Jahren. Dabei liess er sich von den Schnappeseln und Silvesterchläusen im zürcherischen Wald inspirieren. Dort nämlich lockt der ­Silvesterchlaus mit Glockenklang und Tanz das Glück fürs neue Jahr an, während sein Begleiter, der Schnappesel, mit Lärm und Geklapper alles Böse des ausgehenden Jahres vertreibt. Deswegen darf und soll der Schnappesel durchaus ein wenig furchteinflössend wirken. In Zumikon freilich tritt er ohne seinen Chlaus auf, auch soll er weniger das Böse vertreiben als den Geldsegen anlocken. In den 50er-Jahren sammelte man noch für die Zumiker Kinder: Mit dem Erlös kaufte die Schule Leihskis von der Skifabrik Attenhofer in Waltikon, damit auch die Zumiker Kinder im Winter skifahren konnten. Nebst Geld schnappte sich der Esel damals auch Knabbereien. Diese bewahrten die Kinder auf, um sie am Schul­silvester miteinander zu teilen. Heute sammeln die Viert- bis Sechstklässler in erster Linie Geld – nicht für sich selbst, sondern für andere.

Für ukrainische Kinder

Dieses Jahr schnappt der Esel für krebskranke oder anderweitig beeinträchtigte Kinder aus der Ukraine zu, die im März zusammen mit ihren Familien im Altersheim Sonnenhof in Küsnacht untergekommen sind. 14 Gruppen sammeln – sieben Mittelstufenklassen à zwei Gruppen. Ganz traditionell wandern sie von Tür zu Tür und verbreiten mit ihren Weihnachtsliedern Feststimmung im Dorf.

Erstmals seit der Covid-Pandemie findet auch das anschliessende Schnappesel-Konzert im Gemeindesaal wieder statt. Nach einem wohlverdienten Imbiss strömen die Kinder auf die Bühne, während ­Eltern und Bekannte die Sitzreihen füllen. Weihnachtsklassiker von nah und fern erklingen – zwischendurch erläutert Schulleiter Philipp Apafi den Anlass, und die Ukrainerin Anna als Vertreterin der Spendenorganisation erinnert an den März, als alles begann. An das herzliche Willkommen, die grosse Hilfsbereitschaft, die sie erfuhr und die ihr trotz Krieg als gute und schöne Erinnerung bleiben wird. «I want to thank you, all of you», sagt sie zum Abschluss, mit dem Aufruf, gemeinsam zu feiern. Nach einem letzten «Stern von Bethlehem» gerät der Saal abermals in Bewegung. Doch wer glaubt, dem geldhungrigen Ungeheuer so leicht zu entkommen, irrt: Zwei Schnappesel passen die Zuhörerinnen und Zuhörer beim Eingang ab und reissen noch einmal kräftig ihre Mäuler auf. Sie werden gut gesättigt in den Feierabend gehen.

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