Zollikon Zumikon

Gopfridstutz! Schwiizerdütsch chasch nöd?

Kinder spielen zusammen – und verständigen sich problemlos. (Bild: Pixabay)

3464 Ausländer leben in Zollikon. Das sind ein wenig mehr als 26 Prozent der Bevölkerung unserer Gemeinde. Längst spricht nicht mehr jedes Kind Mundart. Wie geht man in Zollikon damit um?

Die Gemeinde hat im April dieses Jahres einen Ausländeranteil von 26,28 Prozent ermittelt. An der Spitze liegen die Deutschen mit über acht Prozent. Die Italiener folgen mit über zwei Prozent. An dritter Stelle liegen die Franzosen mit eineinhalb Prozent. Auch Österreicher, Briten, Portugiesen, Amerikaner, Spanier und Niederländer leben in Zollikon – viele mit einem Schweizer Partner oder Partnerin. Wie in der schweizerisch-irischen Familie Barry werden meist zwei Sprachen gesprochen: «Bei uns redet jeder in seiner Muttersprache. Mein Mann spricht Englisch mit mir und unserer dreijährigen Tochter, ich spreche Dialekt mit beiden», erzählt Franziska Barry. «Unsere Tochter antwortet mir auf Schweizerdeutsch und meinem Mann auf Englisch. Das ist ganz natürlich. Wir alle profitieren davon.»

In den Primarschulen spielt Mundart nur in den Pausen eine Rolle. Im Unterricht wird der Schulstoff auf Hochdeutsch vermittelt; das ist klar festgelegt. Im Kindergarten sieht es im Kanton Zürich anders aus. 53,9 Prozent stimmten im Mai 2011 dafür, «das mer im Chindsgi nu no dörf Mundart rede». Die Stimmbeteiligung betrug 34 Prozent. Wie viele der Stimmberechtigten zwei- oder sogar mehrsprachig aufgewachsen sind, ist unbekannt. Die Initianten hatten erreicht, dass die heimatmüden Schulglocken nur noch auf Schwiizerdüütsch bimmeln dürfen.

Die Realität in Zollikon sieht nicht so aus, als würden die Kinder in der Mundart-Zwangsjacke sprachlich verkümmern. Die Lehrpersonen sind gewohnt, mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachen umzugehen: Mit Mundart sprechenden Kindern sprechen sie auch Mundart, die anderen führen sie an den schweizerdeutschen Dialekt heran.

Mundart ist auch kein Muss bei Einbürgerungen. Bei den ordent­lichen Einbürgerungen wird ein Deutschtest auf Hochdeutsch verlangt. Bei erleichterten Einbür­gerungen reicht es, eine der vier Landessprachen zu sprechen. Im «Deutsch als Zweitsprache»-Unterricht (DaZ) wird laut Schulpflege-Präsidentin Corinne Hoss allen Kindern generell Hochdeutsch und nicht Dialekt gelehrt, selbst wenn die Eltern Schweizer sind, im Ausland gelebt haben und mit ihren Kindern nie in ihrer Muttersprache gesprochen haben.

Wie immer man zur Mundart steht, konservieren lässt sie sich nicht. Wie andere Sprachen verändert auch sie sich, mischt sich mit Balkan-Slang, deutschen, spanischen, englischen Ausdrücken, mit Einflüssen aus aller Welt. Kinder gehen ganz selbstverständlich damit um. Ob sie sich mögen oder auch nicht, hat nichts mit einer einheitlichen Sprache zu tun. Erwachsene könnten in Sachen Toleranz von ihren Sprösslingen einiges lernen.

 

Antje Brechlin

 

Mundart ist auch Integration

Seit fast zehn Jahren gilt im Kanton Zürich: Im Chindsgi
wird Mundart gesprochen. Das war das Ergebnis einer Urnenabstimmung. Auch in Zumikon werden fremdsprachige Kindergartenkinder schnell an den Dialekt gewöhnt.

Gerade für eine Gemeinde wie Zumikon mit einem ­hohen Ausländeranteil sollte die Umsetzung der Volksinitiative «Mundart im Kindergarten» eine ­Herausforderung sein. Ist es aber erstaunlicherweise nicht – wie ­Marina Collie und Jacqueline Häusermann bestätigen. Beide sind seit Jahren als Lehrpersonen auf der Kindergartenstufe am Farlifang tätig. In der Regel sprechen sie während des Unterrichts Mundart. Auch Lieder und Verse werden mehrheitlich im Dialekt gelehrt. Es gebe aber auch ab und zu Lektionen, die in der Standardsprache durchgeführt würden, vor allem bei den Kindern im zweiten Kindergartenjahr.
Bei fremdsprachigen Kindern werde die Standardsprache verwendet, solange sie nicht Dialekt verstünden. Diese erhalten Unterricht in Deutsch als Zweitsprache. Dort spreche die Lehrperson ausschliesslich Hochdeutsch.
Einerseits sei es natürlich schwierig für fremdsprachige Kinder – und Erwachsene –, zwei neue Sprachen zu erlernen. Andererseits sei es für die soziale Integration aber wichtig, dass die Mädchen und Buben schnell Mundart verstehen. Untereinander seien die Kinder absolut flexibel. Es werde einfach die Sprache gewählt, die von allen am besten verstanden wird.
So unterschiedlich Kinder generell sprechen lernten, so unterschiedlich würden sie auch den Dialekt annehmen, betonen die Lehrpersonen.
Für alle Lehrpersonen sei ein sorgfältiger Umgang mit der Sprache, sowohl in Dialekt als auch in Hochdeutsch, zentral, da sie wichtige Vorbilder für die Schülerinnen und Schüler sind.

Schwyzerdütsch von Anfang an

Anfang 2009 kamen Lothar und Claudia Weber aus Deutschland nach Zumikon. Schon im April kam Sohn Max zur Welt, vier Jahre später folgte Bruder Tim. Und obwohl zu Hause ausschliesslich Hochdeutsch gesprochen wird, sprechen die Jungs fast durchwegs Schwyzerdütsch. «Beide Jungs sind früh ins Chinderhuus zur Betreuung gekommen und ich bin sicher, dass sie dort die Sprache von Grund auf gelernt haben», meint Claudia Weber. Im Chinderhuus wird nicht nur Mundart gesprochen, sondern auch gesungen und erzählt. «Wenn mein Mann und ich uns mal aus Spass am Dialekt probieren, lachen die beiden sich kaputt», schmunzelt die Deutsche. «Ich freue mich, dass für meine Söhne die Sprache so eine Selbstverständlichkeit ist, immerhin ist Sprache das wichtigste Mittel zur Integration».

Birgit Müller-Schlieper

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