Zollikon

Schaurig schöne Geschichten

Mit «Sagenhaft» erinnert eine neue Ausstellung im Ortsmuseum optisch und akustisch an die vielen Sagen, die sich um Zollikon ranken.

Jedes Mal, wenn der Lehrer Adrian Michael einer Klasse eine Sage erzählt habe, sei es mucksmäuschenstill gewesen. Und jedes Mal habe eines der Kinder ihn später mit grossen Augen gefragt: «Ist das wirklich wahr?» Und genau das ist der wundervolle Kern: ­Vielleicht ist das Geschehen wirklich so passiert. Vielleicht ist das Erzählte wahrhaftig. Wahr werden zurzeit die vielen Sagen, die Zollikons Geschichte prägen, im Ortsmuseum. Unter dem Titel «Sagenhaft» werden dort die Legenden rund um das Ortswappen, den feurigen Mann, die Schatzgräber auf dem Feufbüel und einige mehr erzählt, und zwar fürs Auge und fürs Ohr. Viele Akteure waren dafür mit von der Partie.

Schatzgräber an der Goldküste

Die Grundlage für die Ausstellung ist das Buch, das Adrian Michael 2017 präsentierte und das alle Zolliker Sagen vereint. «Schuld an meinem Interesse und damit auch an dieser Ausstellung ist eigentlich meine Mutter. Sie schenkte mir 1965 zu Weihnachten ein Buch mit Schweizer Sagen und Heldengeschichten», erinnerte sich der mittlerweile pensionierte Lehrer bei der Vernissage. Bald darauf habe er die Nibelungensage und die englischen Sagen um König Artus verschlungen. Als er in Zollikon zu unterrichten begonnen habe, habe er sich gefreut, auf Orte mit sagenhafter Geschichte zu stossen – sei es eine Kirchenruine oder ein Bachtobel. «Einigen Motiven aus den Sagen begegnen wir auch heute noch: Da ist das Zolliker Wappen, das sich Dietrich von Zollikon von einem geheimnisvollen roten Vogel zusammenstellen liess.» Und da sei der Begriff «Lunggesüüder», der erstmals 1845 in schriftlicher Form erschien. Während seiner Recherchen tauchte Adrian Michael tief in die Welt der Geschichten ein und musste feststellen, dass von feurigen Männern und Schatzgräbern auch in anderen Gemeinden erzählt wird. «Aber gerade die Schatzgräber passen doch am besten zu ­einem Ort wie Zollikon an der Goldküste», kommentierte Gemeindepräsident Sascha Ullmann bei der Begrüssung. Er forderte die zahlreichen Besucher auf, in die Geschichten einzutauchen und sich unterhalten zu lassen. Dem folgten die Interessierten gerne, wurden die Sagen doch leicht und faszinierend dargestellt. Optisch durch angehende Theatermaler der Zürcher Schule für Gestaltung: Mit überdimensionalen Werken und spannenden Objekten untermalen sie das Erzählte.

Kopflose Frau

Begrüsst werden die Besucher und Besucherinnen gleich von einer kopflosen Frau und im ersten Obergeschoss wird leuchtend rot ein Eimer mit Blut ausgeleert. «Ich bin immer wieder gerne in unser grosses Atelier gegangen und habe gesehen, was dort für schöne und gruselige Exponate entstehen», erläuterte Konrad Krone, Prorektor der Schule für Gestaltung.

Für den akustischen Part ist die zweite B-­ und C-­Klasse der Zolliker und Zumiker Sekundarschule verantwortlich. Um es kurz zu machen: Die Schüler und Schülerinnen haben ein grosses Kompliment verdient. An jeder Station gibt es eine Tonspur, die die Jugendlichen in einem professionellen Studio eingesprochen haben. Während der Vernissage gab es dazu noch Live-Performances von Livian, Daniel, Asia und Renato. Da wurde nicht nur gesprochen, da wurde auch das Knistern und Knacken der schaurigen Atmosphäre erzeugt. «Es war ein extrem spannendes Projekt», freute sich Lehrerin Simone Venezia. Normalerweise seien ihre Schüler keine Stammgäste im Ortsmuseum. «Und sie waren völlig überrascht, dass sie nun selber an einer Ausstellung mitwirken sollten. Das hat sie sehr stolz gemacht.» Parallel stehe die Klasse gerade in der Berufswahlzeit und mit den Theatermalern und Radiosprecherinnen hätten die Jugendlichen gleich zwei Berufe kennenlernen können, mit denen sie normalerweise nicht in Berührung kämen. Doch vor dem Erfolg und dem Applaus bei der Vernissage stand natürlich die Arbeit. «Ich war sehr aufgeregt, vor so vielen Leuten zu sprechen. Aber ich habe vorher wirklich jeden Tag eine Stunde geübt und das hat mich ein bisschen sicherer gemacht», erzählte der 14-­jährige Livian Nkou.

Massgeblich beteiligt an der spannenden Ausstellung ist natürlich auch Mirjam Bernegger, Leiterin des Ortsmuseums, die die Idee dazu hatte. «Aber ohne die vielen helfenden Hände hätten wir diese aufwendige Schau nicht produzieren können.» Herausgekommen ist eine Inszenierung, die wirklich unter die Haut geht.

Nicht zu gruselig für Kinder

Da treibt das Ungeheuer vom Rumen­see sein Unwesen, beim Deisten­brünneli erscheint ein Feuer-­Inferno und die tief traurigen Blicke eines Mannes starren den Besucher an. Da rächt sich eine plötzlich lebendig gewordene Puppe für die Übeltaten, die ihr angetan wurden, und der rote Wappenvogel zieht bedrohlich seine Kreise. Es ist eine leicht gruselige Ausstellung geworden – gerade so gruselig, dass auch Eltern mit ihren Kindern tolle Geschichten entdecken können. Mit vielen Begleitveranstaltungen wie Vorträgen, Rundgängen und Erzählnachmittagen wird «Sagenhaft» bis im Juni kommenden Jahres das Publikum verzaubern. (bms)

 

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