Zollikon

Eine Lesung, die so viel mehr ist 

Arno Camenisch trägt seinen Text nahezu auswendig vor, musikalisch begleitet und ergänzt wird er vom Musiker Roman Nowka. (Bild: mmw) 

Dem Kulturkreis Zollikon ist der Auftakt ins neue Jahr mit der Lesung von Arno Camenisch gelungen. So gerne man den Bündner Autor liest, so gerne hört man ihm zu, wie der Dienstagabend in der Aula Buechholz eindrücklich bewies. 

Seine Lesung ist – man kann es nicht anders sagen – eine Wucht. Arno Camenisch, gekleidet in dunkle Jeans und dunkles Hemd, steht in der Aula Buechholz, vor sich das Mikrophon sowie sein kleines, 100 Seiten dünnes, in Grün gefasstes Büchlein mit dem schlichten Titel «Herr Anselm.» 

Ihm, diesem Herrn Anselm, einem freundlichen Abwart in den Büdner Bergen, der seit 33 Jahren an derselben Schule tätig ist, einer Schule, die doch «das Flaggschiff ist, das vorausfährt und Orientierung gibt in all dem Chaos dort draussen in dieser Welt», droht die Schliessung, weil es diesen «Globis mit ihren Cravattas», wie der Autor den «Gmaindspräsident mit seiner Ontourage» nennt, nur ums Sparen gehe, diesem Herrn Anselm gibt der Autor und Performer Arno Camenisch seine sonore, starke Stimme, erweckt den ruhigen Monolog, das Zwiegespräch, das der Abwart am Grab seiner Frau führt, zu pulsierendem Leben. 

Mit seiner Mimik, seinen dunklen Augen, die mal funkeln, das Publikum stark und fast schon böse fokussieren, um nur wenig später von seinem heiteren Lachen geprägt zu erstrahlen, und seiner Gestik, seinen Händen, die immer wieder hin und her schwingen, mit denen er sich in seine zerzausten Haare greift, ja seinem ganzen Körper, der wippt und im Takt seiner Erzählung mitschwingt, zieht der Bündner Autor sein Publikum von der ersten Minute in seinen Bann. Natürlich macht er dies auch mit seiner Stimme und seiner rhythmischen Sprache, die von der Mündlichkeit geprägt und gespickt ist mit Wörtern aus dem Bündner Dialekt und aus dem Rätoromanischen. Einer Sprache, die immer wieder mit Bildern und Vergleichen überrascht, etwa dann, wenn er vom «Peppone mit dem Moustache wie eine Schuhbürste zmitzt durchs Gesicht» erzählt oder vom Herrn Doktor «mit dem Lächeln schön wie ein Badezimmer.»

«Als ginge mir eine Welt auf»

Seinen ersten Text las Arno Camenisch auf Anraten seines jüngeren Bruders an den Literaturtagen in Domat/Ems. Es sei gewesen, als ginge ihm eine Welt auf, erinnerte sich der Bündner Autor in einem kürzlich erschienenen Porträt an jenen Tag, es sei wie ein Erweckungserlebnis gewesen. Seither steht er, der einst Primarlehrer in Graubünden und in Madrid war, später am Literaturinstitut in Biel studierte, immer wieder auf Bühnen in der Schweiz und Ausland, ist einer der meistbeachteten Schriftsteller der Schweiz. Seine Texte wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, er ausgezeichnet und geehrt mit zahlreichen Preisen. 

Arno Camenischs Texte handeln oft von Menschen, die ein grosses Herz haben. Er möge seine Figuren, sagte er einst, sei gerne bei ihnen. In Zollikon erzählt er, dass er einfach eine unbändige Lust verspüre, in der heutigen Zeit, in der Leute beissen, motzen, diskriminieren würden, Figuren zu erschaffen, die ein grosses Herz haben. «Meine ­Bücher kreisen immer um die Liebe, das Leben und den Tod», sagt der in Tavanasa, einem kleinen Ort in der Surselva, aufgewachsene Bündner. Auch «Herr Anselm», bereits sein zehntes Buch, sei schlussendlich ein Roman über die Liebe. 

Von Vorbildern und Werten

Und Herrn Anselm schliesst man nur schon beim Lesen schnell ins Herz. Wie er da steht am Grab seiner Frau, die er «mia cara» nennt, in der Hand die frischen gelben Blumen, die er bereit macht für die grüne Vase, während er vor sich hin sinniert und erzählt von der Zeit, die wohl kommen wird, aber auch von jener, die vergangen ist. Er spricht vom Wetter und vom Wasser, erinnert sich an Vorbilder, die ihn geprägt haben, an Werte, die verbinden. Er spannt den Bogen von der kleinen Welt der Surselva zu den grossen Fragen des Universums. Herr Anselm ist einer, der die Leute nicht versteht, «die sich wie ein Tarzan von Wochenende zu Wochenende schwingen, als wären die Wochentage ein Becken mit Krokodilen». Die Arbeit sei doch etwas Schönes, was auch damit zu tun habe, dass man sie selber ausgesucht habe. Die treue Seele der Schule ist einer, der weiss, worauf es im Leben ankommt, «um die Umkehrung denk, das Schlechte in etwas Gutes zu verwandeln.» Von Tante Tresa hat er beigebracht bekommen, «dass wir keine Tiere sind, darum hält man einander auch die Türe auf. Ja, wenn jeder das machen würde, wäre das der grössere Beitrag an den Weltfrieden, als wenn jemand die Quadratzahlen bis fünfzig runterräbbeln kann, dafür aber ein Sauchaib ist.» – «Egoisten», so lässt Arno Camenisch Herrn Anselm erzählen, «haben wir afängs genug, vom Russisch bis nach Washington däna, davon bräuchte man nicht noch mehr, würde man meinen. Aber dem Gmaindspräsident geht es halt nur ums Geld, und sobald es ums Gold geht, ist fertic lustic.»

Er stürmt mit der Stimme 

Arno Camenisch wäre gerne Fussballer geworden, wie es in der Vorschau auf den Film «Schreiben auf der Kante» heisst, der sein bisheriges Leben dokumentiert, Talent dazu hätte er gehabt. Heute nun stürmt und dribbelt er mit seiner Stimme, jongliert mit Worten, lässt seine Spiellust mit der Sprache aufleben.

Der Fussball fliesst auch immer wieder mal in seine Texte ein, so schiesst Herr Anselm, der auch mal für einen verschnupften Lehrer als Ersatz einspringen muss, mit den Schülern Penalty, um auszumachen, ob es Hausaufgaben gibt oder nicht. Und die wahre Grösse eines Champions mache dessen Nehmerqualitäten aus, das sei genau wie bei den Fussballern. Bei Arno Camenisch heisst das dann so: «Den Guten fahren sie eins uns andere Mal in die Beine, hier eine Grätsche und dort ein Ellenbogen auf die Nase, da wird getreten und gehauen, was das Zeug hält, um sie von den Beinen zu holen, aber am Schluss schiessen sie trotzdem drei Tore und würden sich nicht mal beklagen, dass man ihnen das ganze Spiel lang auf den Füssen rumgestanden ist, um sie fertigzumachen, nai, nai, die stehen aufrecht hin und halten den Blick.»

In Zollikon zog Arno Camenisch das Publikum nicht alleine in seinen Bann. Begleitet wurde er vom Musiker Roman Nowka, der mit seiner E-Gitarre die Lesung nicht nur unterstützte, sondern sie ergänzte. Roman Nowka hatte seine Augen stets geschlossen, sowohl während er spielte als auch dann, wenn er den Erzählungen Arno Camenischs lauschte. Er verkörperte, was auch dem Publikum an diesem kalten Januarabend in der Aula Buechholz widerfahren ist: ein kurzes, wohlig warmes Abtauchen in eine Welt voller Poesie und Sprachwitz. «Das hät uhuere gfägat », meinte Arno Camenisch zum Schluss des Abends. Wie recht er hat!

Melanie Marday-Wettstein

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