Zollikon

«Als Wissenschaftler muss man mutig sein»

«Zollikon hat eine Lebenqualität, die ihresgleischen sucht»: Im Sommer verlässt Familie Claassen nach sieben Jahren die Gemeinde (Bild: zvg)

Manfred Claassen, 42, Professor für Bioinformatik an der ETH, verlässt im Sommer nach sieben Jahren mit seiner ­Familie die Gemeinde Zollikon nach Tübingen.

Herr Claassen, wie wichtig war Glück in Ihrer Karriere?

Glück schadet nie! Menschen, die viel wagen, haben häufiger Glück. Es ist wichtig, in der eigenen Karriere viele Dinge auszuprobieren, um sich der glücklichen Entdeckung auszusetzen und von dieser zu profitieren.

Seit Januar dieses Jahres haben Sie eine Professur an der Universität Tübingen inne und pendeln wöchentlich zwischen Zollikon und Tübingen. Wegen des Lockdowns arbeiten Sie nun im Home­office. Wie funktioniert das?

Erstaunlich gut! Einen grossen Teil meiner Arbeit kann ich zu Hause erledigen. Gespräche mit Mitarbeitern und Kollegen laufen prima über Videokonferenzen.

Ihre Frau Julia ist Primarlehrerin im Schulhaus Rüterwis, die beiden Buben Neo und Benno gehen in den Kindergarten und in die Primarschule. Auch sie sind zu Hause.

Die häuslichen Aufgaben teilen wir uns auf, meine Frau und ich. Unsere Kinder spielen gern miteinander und können sich ganz gut beschäftigen. Wir haben einen Garten und ein Trampolin, das Wetter ist schön, der Stresslevel also noch überschaubar.

Wie erholen Sie sich?

Ich bewege mich gern, laufe Marathon, mache Triathlon – und fuhr in den letzten Jahren täglich mit dem Velo zur Arbeit auf den Campus ETH Hönggerberg und zurück. Ausserdem wohnen wir unglaublich schön hier in Zollikon, fünf Minuten vom Waldrand entfernt. Wir unternehmen mit den Kindern Wander- und Vetotouren, spielen Fussball oder Verstecken auf dem Oescher Schulhausplatz. Der Zürichsee ist zu Fuss erreichbar. Das ist Lebensqualität, die ihresgleichen sucht und die wir sehr vermissen werden.

Sie haben Biochemie und Informatik studiert. Die Kombination von Naturwissenschaft und Informatik ist heute begehrt, war aber vor über 20 Jahren eher ungewöhnlich. Warum haben Sie sich für diese Fächer entschieden?

Weil ich die Anwendungen von Chemie und Biologie spannend fand – das Leben als chemischen Prozess zu sehen. Im Laufe des Studiums faszinierte mich immer mehr, wie gut Natur mit mathematischen Konzepten zu beschreiben ist. In diesen Bereich wollte ich mich vertiefen und habe das umgesetzt, ohne gross an die Zukunft zu denken. Das sich diese Kombination am Ende als so zukunftsträchtig herausgestellt hat, war vielleicht einfach nur Glück.

Ihre Berufsbezeichnung ist Bioinformatiker. Was kann ich mir darunter konkret vorstellen?

Ganz vereinfacht: Wir versuchen, mit Methoden aus der Informatik die Biologie zu entschlüsseln. Wir lernen zum Beispiel, unsere Erbinformationen zu lesen. Um diese entziffern zu können, müssen wir sie zuerst übersetzen. Und dazu braucht man Computerprogramme, mathematische Modelle.

Woran forschen Sie?

Ich will verstehen, warum wir gesund oder krank sind. Wir beobachten einzelne Zellen und messen sie an verschiedenen Parametern. Wir wollen zum Beispiel verstehen, welche Zellen Krebs auslösen. Wir wollen verstehen, warum man auf eine Therapie anspricht oder nicht. Um die einzelnen Zellen beobachten zu können, braucht es komplexe informatisch-mathematische Methoden. Meine Arbeit und die meines Teams spielt sich vor allem am Computer ab. Die Experimente und Messungen, die wir benötigen, um Patientendaten zu erheben, führen wir zusammen mit Partnern in der Medizin und Biologie durch.

Werden Ihre Ergebnisse in der Praxis angewendet?

Auf jeden Fall. Mit dem ETH Spin-off Scaylite entwickeln wir die Muster unserer Grundlagenforschung zu diagnostischen Tests weiter, die dann in der Klinik angewendet werden. Anhand einer Blutprobe können wir heute Zellen identifizieren, die den Beginn oder den Verlauf einer Krankheit sowie den Verlauf einer Therapie vorhersagen.

Seit ein paar Wochen bestimmt das Coronavirus unser ­Leben. Spielt das Virus in Ihren Forschungen eine Rolle?

Bis vor einem Monat hat es keine Rolle gespielt. Doch an meiner neuen Arbeitsstelle, der Universität ­Tübingen, werden alle Covid-19-­Patientinnen und -Patienten aus dem Tübinger Raum behandelt. Mit den Algorithmen und Technologien, die wir entwickeln, haben wir ­Forschungsanträge eingereicht, um ­Patienten besser zu diagnostizieren. Was uns besonders interessiert, ist, vorhersagen zu können, ob der Patient einen leichten oder schweren Verlauf der Krankheit zu erwarten hat. Daran werden wir die kommenden Monate forschen.

Wie wichtig ist Mut in Ihrem Beruf?

Als Wissenschaftler muss man tatsächlich mutig sein. Das ist vielen gar nicht bewusst. Denn als Wissenschaftler muss man immer in einen Bereich gehen, der neu ist, in dem noch niemand gewesen ist – wo also auch niemand ist, den man etwas fragen kann.

Was raten Sie jungen Menschen, die sich für einen Beruf entscheiden müssen?

Ich habe studiert, was mir Freude macht. Dank dem Interesse an meiner Arbeit bringe ich die nötige Energie auf, auch mal schwierige Zeiten zu überwinden.

Mit Manfred Claassen sprach Antje Brechlin
 

Zur Person

Nach Stationen an der Universität Stanford (USA), der Universität Tübingen (D) und der ETH Zürich kehrt Manfred Claassen nach Tübingen zurück. Das wissenschaftliche Umfeld passt dort perfekt zu seinen Forschungen. Manfred Claassen ist Mitbegründer des Biotechnologie-Start-ups Scaylite, eines ETH Spin-offs, das Diagnoseverfahren für personalisierte Medizin entwickelt.

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