Zollikon

Ein neuer Lebensrhythmus

Thomas Meyer mit Bergamasker-Hündin Yara in seinem Garten in Zollikon. (Bild: chi)

Seit knapp zwei Monaten ist Thomas Meyer Verwaltungsratspräsident der Sunrise. Der Wahl-Zolliker erlebt eine Zeit des Umbruchs, die durch die Corona-Krise eine zusätzliche Dimension bekommt.

 Die Generalversammlung der Sunrise Anfang April fand unter aussergewöhnlichen Bedingungen statt. Ohne physisch präsent zu sein, wurde Thomas Meyer zum neuen Verwaltungsratspräsidenten gewählt. Die Stimmen waren im Vorfeld elektronisch abgegeben worden. Es gab keinen Apéro, kein Mittagessen, keine Geschenke. «Das war eine ziemlich skurrile Übung», erinnert sich der frisch ­Gewählte. Sein Amtsvorgänger ­Peter Kurer habe die Sitzung im ganz kleinen Rahmen, nur in Anwesenheit des Protokollführers, des Stimmrechtsvertreters und des Notars abgehalten – «das war’s.»

Bereits am Nachmittag nach der Wahl leitete Thomas Meyer per Videokonferenz seine erste Verwaltungsratssitzung. Derzeit stehen wichtige Geschäfte an, zum Beispiel der Ausbau des 5G-Netzes im Mobilbereich. Der 57-Jährige ist sich bewusst, dass diese Technologie umstritten ist. Allerdings gebe es weltweit keine Studie, die innerhalb der Grenzwerte einen schädlichen Einfluss von 5G-Strahlen auf den menschlichen Organismus bestätigen würde. «Das Thema ist sehr emotional», sagt er. «Fakt ist, dass die Aufrüstung auf 5G aus verschiedenen Gründen sinnvoll ist.» Neben der grösseren Bandbreite seien das etwa die gezieltere Ansteuerung von Telefonen oder die Energieeffizienz.

Das zweite grosse Geschäft ist die Erweiterung des Glasfasernetzes. Wie vergangene Woche bekannt wurde, spannt die Sunrise in diesem Bereich mit Mitbewerber Salt zusammen – nicht zuletzt, um der ­Branchenführerin Swisscom einzuheizen. Der ehrgeizige Plan sieht vor, in den nächsten Jahren zusätzliche 1,5 Millionen Haushalte ans Glasfasernetz anzuschliessen, was einer Verdoppelung der heutigen Verbreitung entspricht. Die Aufteilung des «Fiber-Kuchens» dürfte auch den Konsumenten freuen. «Wettbewerb wirkt sich immer positiv auf die Preisentwicklung aus», sagt Thomas Meyer. «Ausserdem sollen durch den Ausbau Rand­regionen, die bislang von der Swisscom übergangen worden sind, in den Genuss von schnelleren Internet-­Leitungen kommen.»

Schönes Haus am falschen Ort

Seit 2006 lebt Thomas Meyer mit seiner Frau, den drei Buben und der Bergamasker-Hündin Yara in Zollikon. Die zwei Söhne aus erster Ehe haben beide an der ETH studiert und doktoriert beziehungsweise sind gerade dabei. «Mein Ältester ist schon verheiratet und hat mich diesen Januar zum Grossvater gemacht», sagt der Familienvater stolz. Das grosse Haus in Zollikon habe er kurz nach seiner zweiten Heirat bezogen. «Meine Frau ist in Zollikon aufgewachsen», erzählt er. Als sie sich kennengelernt hätten, habe er gerade sein Elternhaus in Steinen SZ fertig renoviert. «Schönes Haus», habe seine Liebste bei ihrem ersten Besuch gesagt, «aber am falschen Ort.» Weil für sie ein Umzug in die Innerschweiz nicht infrage gekommen sei, hätten sie etwas in der Umgebung von Zürich gesucht.

«Zollikon war mir sofort sympathisch», sagt Thomas Meyer. Er schätzt die dörflichen Strukturen, die für ihn gut sichtbar sind: Vereine, Chilbi, kleine Läden und Gewerbe. Weil seine drei jüngeren Söhne alle Fussball spielen, kommt er bei den regelmässigen Anlässen auf dem Sportplatz Riet mit vielen Menschen aus dem Ort in Kontakt.

Vom Hilfsbauern zum CEO

Schon früh wusste Thomas Meyer, was er wollte: arbeiten, Geld verdienen, eine Familie gründen. Der gebürtige Zuger wuchs in Steinen SZ auf, wo sein Onkel den grossväterlichen Bauernhof übernommen hatte. Bereits als Primarschüler musste Thomas Meyer aktiv mithelfen. «Vor und nach der Schule hiess es für meinen Bruder und mich heuen, misten, den Stall säubern, Kühe melken, Gras mähen, und später auch Traktor fahren.» Dies alles scheint ihm nicht geschadet zu haben, denn in seiner Gymnasialzeit ging er neben der Schule gerne freiwillig arbeiten: auf dem Bau, als Stuckateur oder weiterhin für seinen Onkel, der sich mittlerweile auf Vieheinkauf spezialisiert hatte.

«Ich wollte früh von zu Hause weg», erzählt Thomas Meyer. «Nicht, weil ich mit den Eltern Krach gehabt hätte, sondern um auf eigenen Beinen zu stehen.» Die damalige Immobilienkrise hielt ihn davon ab, seinen Berufswunsch Architekt anzustreben. Nach der Matura arbeitete er bei einer Bank in Zug, bevor er in St. Gallen Betriebswirtschaft studierte. Nach seinem Abschluss 1987 stieg er beim Unternehmensberatungsteil des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Arthur Andersen ein, später Andersen Consulting, um dort die nächsten 33 Jahre zu bleiben. Anfangs baute er den Versicherungsbereich der Firma aus, zuerst in der Schweiz und dann auch im Ausland. 2001 ging aus Andersen Consulting das Unternehmen Accenture hervor, dessen Schweizer Niederlassung Thomas Meyer ab 2003 bis Anfang dieses Jahres als CEO führte.

Eine zweite Karriere

Sich nach so langer Zeit von seinem Job zu verabschieden, bedeutet für Thomas Meyer eine Zäsur: «Seit meinem Studium habe ich nur für eine Firma gearbeitet. Nun stehe ich am Anfang meiner zweiten Karriere.» In seiner neuen Rolle ist er selbstständiger als in der Funktion als CEO. «Es ist eine Umgewöhnung an einen neuen Lebensrhythmus», stellt er fest. Ständig präsent sein zu müssen, wöchentliche Flüge oder lange Überstunden im Büro: Diese Zeit ist nun vorbei. Obwohl auch das Amt des Verwaltungsratspräsidenten intensiv sein kann, so ist es doch weniger an dauerhafte Erreichbarkeit geknüpft als jenes des CEO. Neben seinem Sunrise-Mandat präsidiert Thomas Meyer die Stoosbahnen AG und hat noch einige weitere Verwaltungsratssitze inne. Ausserdem sitzt er im Stiftungsrat der NGO Swisscontact, die sich für technische Entwicklungszusammenarbeit einsetzt.

Aus 300 wurden 1600

Die Corona-Pandemie macht die Phase des Jobwechsels für Thomas Meyer zusätzlich speziell. «Es ist ein komisches Gefühl, mich von meiner alten Firma verabschieden zu müssen, wenn alle Büroräume leer stehen.» Im Juni, am Tag vor seinem 58. Geburtstag, wäre ein grosses Abschiedsfest geplant gewesen, das nun leider ins Wasser fällt. Thomas Meyer tut das besonders leid, weil ihm immer sehr viel an seinen Mitarbeitenden gelegen war. In seinen Jahren als CEO sind aus 300 Angestellten 1600 geworden. «Letztlich besteht eine Firma aus ihren Mitarbeitenden», ist er überzeugt.

Trotz allem sieht Thomas Meyer auch die Vorteile, die ihm durch den Corona-Lockdown erwachsen sind. Wie viele andere habe auch er die letzten zwei Monate nur noch von zu Hause aus arbeiten können. Dies habe ihm Gelegenheit gegeben, sich an den Rhythmus seiner neuen Karriere zu gewöhnen. «Das ­Timing hätte für mich eigentlich nicht besser sein können», sagt er sogar. Nicht zuletzt hat er die dazugewonnene Zeit im Kreise seiner Familie sehr genossen.

Tobias Chi

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