Zollikon

Im Leben angekommen

«Ich bin genau da, wo ich sein soll, so fühlt es sich an.» Kioskverkäuferin Christin Mieke nimmt sich gerne Zeit für ihre Kundschaft. (Bild: chi)

Als Kioskverkäuferin prägt Christin Mieke das Dorfbild von Zollikon mit. Obwohl sie gut mit Menschen umgehen kann, versteht sie die Tiere noch besser. 

Fragt man Christin Mieke nach dem Charakter der Zollikerinnen und Zolliker, ist sie voll des Lobes: «Es gibt hier so viele liebe und herzliche Menschen.» Und sie muss es wissen, schliesslich arbeitet sie im Kiosk am Dorfplatz Zollikon. «Dieser Ort ist magisch für mich», schwärmt die 36-Jährige. «Ich lerne viel, vor allem auch über mich selbst.» Bewusst hat sie sich gegen einen Kiosk an einem Hotspot wie dem Zürcher Hauptbahnhof oder dem Stadelhofen entschieden. Zwar würde sie dort mehr Umsatz machen, doch hätte sie weniger Zeit für die Kunden. Und das ist der gebürtigen Berlinerin ein Anliegen. 

Die Empathie, die Christin Mieke ihren Kunden entgegenbringt, kommt auch zurück. Als es ihr letztes Jahr gesundheitlich nicht so gut gegangen sei, erzählt sie, hätten ihr viele Kunden schon am Gesichtsausdruck abgelesen, wie es ihr gerade ging. «Man hat mich aufgemuntert und jemand hat sogar einen Obstsalat vorbeigebracht. Unter diesen Umständen hat es richtig gutgetan, zur Arbeit zu gehen, statt zu Hause zu bleiben und Trübsal zu blasen.» Die Wahlschweizerin wohnt in Erlenbach und bewältigt ihren Arbeitsweg gerne zu Fuss. Dafür braucht sie eine Stunde und zwanzig Minuten. Nach den teilweise langen Schichten am Kiosk tue ihr die Bewegung gut, sagt sie.

Ins Wallis statt nach Paris

Erstmals in die Schweiz gekommen ist Christin Mieke mit 19 Jahren. Im Rahmen ihrer Ausbildung in der Hotellerie durfte sie längeres Praktikum im Ausland absolvieren. Ihr Wunschhotel in Paris war schon besetzt, also hat sie sich auf Empfehlung einer Freundin für ein ­Hotel in Ulrichen im Kanton Wallis entschieden. Der Aufenthalt in dem kleinen Ort liess sie die französische Metropole bald vergessen. «Der Hotelbesitzer war ein megacooler Typ», erinnert sie sich. Zugleich bedeutete diese Zeit auch harte Arbeit. Sie hat an der Réception, in der Küche und auch auf den Etagen gearbeitet. «Das Hotel ist eine Schule fürs Leben», sagt sie, «da lernst du deine Grenzen kennen.»

Nach dem Praktikum ging Christin Mieke wieder nach Deutschland zurück, wo sie ihre Lehre beendete und danach in einem Hotel arbeitete. Doch nach vier Jahren zog es sie wieder in die Schweiz. Schon als Kind habe sie immer grosses Fernweh verspürt. Dieses Gefühl habe sie nicht mehr, seitdem sie in der Schweiz lebe. «Ich fühle mich angekommen», sagt die 36-Jährige. «Ich bin jetzt genau da, wo ich sein soll, so fühlt es sich an.» Die positive Energie, die in diesem Satz steckt, strahlt Christin Mieke auch aus. Sie scheint ganz bei sich zu sein. Wenn Kunden zu ihr kommen, nimmt sie sich Zeit, lächelt, beantwortet Fragen, gibt Ratschläge und hört auch gerne zu, wenn jemand beim Heftli-Kauf noch ein bisschen plaudern will.

Nach drei Jahren in einem grossen Hotel in Engelberg zog es Christin Mieke nach Zürich. «Ich mag Veränderungen und habe einen unruhigen Geist», so ihre Selbsteinschätzung. Trotzdem kostet jeder Schritt in eine neue, unbekannte Richtung immer auch Überwindung. «Ich sehe Angst jedoch nicht als etwas Schlechtes an», sagt sie. «Sie ist auch eine Kraft, die einen weiterbringt.» Zudem hatte man ihr in Engelberg versprochen, dass sie nach wie vor ein Zimmer habe, sollte es in Zürich nicht klappen.
Doch es hat geklappt. Neben der Arbeit in verschiedenen Zürcher Hotels hat Christin Mieke auch noch eine Stelle an einem Kiosk angenommen. Und obendrauf noch die Handelsschule besucht.

Von Kindern, Mamas und Papas

Es ist später Nachmittag, die Schule ist aus, viele Schülerinnen und Schüler drücken sich auf dem Dorfplatz herum. Zwei Buben kommen und fragen, was sie für 25 Rappen bekommen würden. Christin Mieke zeigt auf die kleinen «Bölleli» für 20 Rappen. Einige Eltern haben am Kiosk Münz hinterlegt, damit ihre Kleinen einen Zwanzigermocken oder ein Schoggistängeli kaufen können, ohne mit Geld in Berührung zu kommen. Christin Mieke weiss dann Bescheid und nimmt den Betrag aus der entsprechenden Box. Am Kiosk erfährt sie viel über die Menschen. «Automatisch kommt man in eine beobachtende Position», erklärt sie. Zum Beispiel bewundert sie Mütter, die an jeder Hand ein Kind haben und zusätzlich noch ein drittes, das irgendwo in der Nähe herumschwirrt. «Ich glaube, kein Hoteljob dieser Welt ist so schwierig wie Mama-Sein.» Man brauche so viele verschiedene Kompetenzen, um ein kleines Menschenleben stabil zu bekommen. Natürlich bewundert sie auch Papas, die aktiv am Leben ihrer Kinder teilnehmen.

Die deutliche Sprache der Tiere

Eigene Kinder zu haben sei aber nicht so ihre «Baustelle», sagt die Berlinerin. «Als Frau stehst du irgendwann vor der Entscheidung: Bist du bereit, dein eigenes Leben hintenan zu stellen?» Diese Frage hat sie für sich inzwischen klar mit Nein beantworten können. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Christin Mieke ein grosses Herz für Vierbeiner hat. «Wenn du mir eine Kiste voller Hundewelpen hinstellst, kann ich nicht anders, als alle zusammen mitzunehmen!», ruft sie begeistert. Sie könne mit der direkteren Kommunikation der Tiere viel anfangen. Während Menschen oft sehr verschlüsselt kommunizierten, sprächen Tiere eine viel deutlichere Sprache – zumindest für Christin Mieke: «Du stehst zehn Meter von einem Pferd entfernt und es sagt dir, wo es gerade Schmerzen hat.»

Obwohl sie sich nicht gerade als Pferdeflüsterin bezeichnen würde, spielen diese edlen Tiere eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Bevor sie ins Hotelwesen ging, hätte sie sich fast für eine Ausbildung mit Pferden entschieden. Seitdem sie in der Schweiz wohnt, hatte sie sich bewusst auf ihre Arbeit und ihre Weiterbildung konzentriert. «Denn mir war klar: Wenn die Pferde wieder in meinem Leben kommen, weiss ich, wo der Fokus liegt.» Seit einiger Zeit geht sie wieder regelmässig in einen Stall in Herrliberg.
Zu den Pferden wird es sie auch wieder ziehen, wenn die Ära der bedienten Kioske einmal zu Ende gehen sollte. Angesichts der automatisierten Shops, die momentan wie Pilze aus dem Boden schiessen, erscheint dieses Szenario durchaus realistisch. Noch ist es aber nicht soweit – zum Glück für die Zollikerinnen und Zolliker, denen ein warmes Herz am Dorfplatz vorerst erhalten bleibt.

Tobias Chi

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