Zollikon

Ein Instrument und viele andere Instrumente

Auch im Alter muss geübt werden: Gerne holt Ruth Walder ihre Geige heraus und bereitet sich auf die nächste Stunde vor. (Bild: bms)

Ruth Walder war als OP-Schwester in vielen Spitälern beschäftigt, die Geige kam immer mit.

Die Allerwenigsten haben wohl Lust darauf, im Alter von 93 Jahren noch zur Schule zu gehen und Hausaufgaben zu machen. Bei Ruth Walder sieht das anders aus, wobei die Schule zu ihr kommt, und zwar in Person von Michael Gebauer. Der Geigenlehrer aus Herrliberg reist regelmässig ins Wohn­ und Pflegeheim Blumenrain, um die alte Dame zu unterrichten. «Und es gibt wirklich Hausaufgaben. Stücke, die ich bis zum nächsten Mal üben muss», bestätigt Ruth Walder.

Schon im Alter von neun Jahren hat sie in Romanshorn mit dem Geigenspiel angefangen. Eigentlich sollte sie auf Anraten der Lehrerin Klavier spielen lernen, aber die Mutter plädierte für ein Instrument, das man auch mitnehmen könne. Und so wurde ein Geigenlehrer engagiert. Geboren wurde Ruth Walder in Horgen, doch der Vater – ein Landwirt – verunfallte im Stall, als sie gerade mal neun Monate alt war. «Wir hatten wohl damals einen guten Knecht, der meine Mutter auch geheiratet hätte. Dann hätten wir den Hof behalten können, aber meine Mutter wollte nicht.» Die Witwe zog mit dem Baby lieber nach Romanshorn, wo eine Tante lebte. Immer wieder ging sie mit ihrer Tochter in Konzerte, sie selber spielte kein Instrument. Jahrzehnte später, als Ruth Walder pensioniert wieder in Romanshorn lebte, wartete die Mutter nach Konzerten vor der Tür des Veranstaltungslokals, damit die Tochter nicht alleine nach Hause laufen musste.

Streng, aber schön

Nach der Schulzeit zog es Ruth Walder zunächst ins Welschland, um Französisch zu lernen. Dann hegte sie den Wunsch, Diakonissin zu werden. Die Mutter riet ihr ab. «Sie hatte wohl mal schlechte Erfahrungen gemacht», erzählt die Seniorin, die lange Zeit später ebenfalls ihre ganz eigenen Erfahrungen mit Diakonissen machte. So begann sie in Bern eine Ausbildung zur Rot-Kreuz-Schwester. «Das war streng und gleichzeitig schön», urteilt sie rückblickend. Sie fand eine Freundin, die Klavier spielte, und gemeinsam musizierten die beiden jungen Frauen in der knappen Freizeit. Sie arbeitete als Schwester in Bern und kam natürlich mit vielen Schwerkranken in Berührung. «Das hat mich deprimiert.» Als sie dann von einer Familie in England hörte, die eine Betreuung für ihren vierjährigen Sohn suchten, meldete sie sich spontan. «Ich habe mich da sehr wohl gefühlt und wäre eigentlich gerne länger als ein Jahr geblieben, doch ich wollte gleichzeitig auch wieder in der Nähe meiner Mutter sein.» Sie absolvierte in Bern eine Weiterbildung zur OP­-Schwester. «Und dann hatte ich das Gefühl, ich müsse nach Zürich», lacht sie herzhaft. Ihr Lebenslauf verrät, wie umtriebig Ruth Walder war – vielleicht noch ist. Sie begann im Kantonsspital in der Notfallstation, assistierte im Operationssaal.

Die Noten liegen parat

Die Musik rückte in den Hintergrund. «Wir hatten Arbeitszeiten von sieben bis sieben. Ganz selten schaffte ich es doch noch, mich schnell umzuziehen und rechtzeitig in ein Konzert zu gehen.» Meist ging sie alleine. Es sei sehr schwierig gewesen, andere Leute im selben Alter kennenzulernen, die sich auch für Klassik interessierten. Bei Ruth Walder ist diese Liebe ungebrochen. Bis ins vergangene Jahr ging sie regelmässig in die Zürcher Oper. Sie schaut auf ihren Rollator. «Jetzt geht es einfach nicht mehr», stellt sie fest. Jammern tut sie nicht.

Beruflich ging es nach Zürich in Genf weiter. «Unser Anästhesist begann da und wurde gefragt, ob er nicht eine gute OP-­Schwester mitbringen könnte.» Konnte er. Doch lange blieb sie wieder einmal nicht. «Als Deutschschweizerin war ich da nicht wirklich willkommen bei den Kolleginnen.» Ruth Walder ist nicht diplomatisch, sie taktiert nicht. Passt ihr etwas nicht, formuliert sie es auch direkt. Lange Arbeitszeiten machten ihr nie etwas aus. «Aber wenn es zu lange wurde, habe ich eben Kritik geäussert.» Nach Genf folgten Aufenthalte im Triemli, dann im Baselland, kurz in Aarau, dann wieder Basel. Dabei war sie bei den Wechseln gar nicht die treibende Kraft. Sie wurde immer gefragt oder gebeten. Als offener, interessierter Mensch war sie wohl eine angenehme Kollegin. Von dieser Offenheit zeugt auch ihr Zimmer im Blumenrain. Die neuesten Ausgaben der NZZ liegen da noch und warten darauf, gelesen zu werden, manchmal kommen Bekannte auf eine Tasse Tee zu Besuch oder Ruth Walder holt eben ihre Geige hervor. Zwei Ständer mit aufgeschlagenen Notenblättern stehen parat. Ganz vorsichtig packt sie das Instrument aus. Es schlummert eingewickelt in ein Tuch in einem gut verschlossenen Koffer. Fast liebevoll spannt sie den Bogen, legt die Violine auf die Schulter. Das sieht unglaublich vertraut aus. Sie lässt den Blick im Zimmer herumschweifen. «Eigentlich müsste ich ja mal aufräumen. Aber es gibt immer irgendwie Wichtigeres zu tun», schmunzelt sie.

Zurück zur Mutter

Nach ihrer Pensionierung zog Ruth Walder dann wieder zur Mutter nach Romanshorn und nahm die Konzertbesuche wieder auf. Doch nach dem Tod der Mutter hielt sie auch dort nichts mehr. Nebenan war ein Hühnerstall gebaut worden und der Gockel nervte die Seniorin. Der Verkehr auf der Durchgangsstrasse Konstanz nach Chur nahm stetig zu. Als sie dann von dem Angebot der Diakonie Neumünster erfuhr, dass auch externe ehemalige Schwestern einziehen könnten, war sie zunächst froh. Sie war mittlerweile 70 Jahre alt. «Doch im Zollikerberg war man nicht wirklich darauf eingestellt, dass Fremde kommen. Und dort bin ich immer fremd geblieben.» Doch sie will nicht lange an damalige Differenzen denken. Lieber erinnert sie sich an ihren 90. Geburtstag. Befreundete Ehepaare, die sie aus einem Singkreis kennt, hatten sie eingeladen. «Und ich durfte aussuchen, wohin es gehen sollte. Damals kam im Fernsehen gerade eine Reihe über Restaurants in Zürich und ich entschied mich für das Zunfthaus zur Waage. Es war grossartig», schwärmt sie. 

Aber auch in guten Erinnerungen schwelgt die 93­Jährige nicht lange. Sie ist lieber in der Gegenwart zu Hause. Und in der muss noch geübt werden. Aufräumen kann sie ja auch morgen noch. Das läuft ja (leider) nicht weg.

Birgit Müller­-Schlieper

 

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