Zollikon Zumikon

«Die Krise auch als Chance nutzen»

«Freundlich mit sich selber sein»: Das empfiehlt Lebensfreude-Coachin Susan Reinert Rupp. (Bild: zvg)

Die Zumikerin Susan Reinert Rupp ist Coachin für Lebens­freude und bietet Seminare für Achtsamkeit und Lebensfreude an. Wohl weniges ist zurzeit so gefragt wie Lebensfreude. 

Frau Reinert, laufen aktuell noch Seminare?

Ich biete zurzeit über das Programm Zoom digital Seminare und Meditationen an. Veranstaltungen bei Firmen oder Kurse im Freizeitzentrum sind natürlich abgesagt. Interessanterweise kommen jetzt neue Teilnehmende, die sich durch das Homeoffice ihre Zeit anders einteilen können.

Wie kann ich verhindern, in deprimierende Gedanken oder gar eine Depression abzurutschen?

Für mich gibt es zwei elementare Grundgedanken. Der erste ist: das Positive wahrnehmen und sich dies ganz bewusst vor Augen führen. Als Beispiel essen wir jetzt in der Familie jeden Abend zusammen. Das war vorher selten möglich. ­Einer der Jungs hatte Training oder ich gab einen Kurs. Nun verbringen wir Zeit miteinander. Positive Erlebnisse können ganz unterschiedlich sein: die Sonne auf der Haut spüren, den Duft von Frühling riechen, ein schönes Lied singen oder hören. Die Herausforderung ist jetzt, das wirklich wahrzunehmen. Der zweite Grundgedanke ist, dass wir die Chance der Krise sehen. Zu überlegen, wie man persönlich an der Situation wachsen kann. Im Nachhinein erkennt man oft, dass man an den durchlebten Schwierigkeiten gewachsen ist. Der Trick ist nun, dies eben nicht erst nach der schwierigen Phase zu registrieren, sondern bereits in der Situation selber. Manchmal hilft es auch zu erkennen, dass es ganz vielen Menschen nun ähnlich geht. Ich bin also nicht alleine.

Versuche ich damit nicht, die Angst zu verdrängen?

Nein. Und das wäre auch nicht richtig. Die Angst hat ihre Berechtigung und ist ein guter Schutzmechanismus in gewissen Lebensphasen. Durch das Verdrängen wird diese Emotion nur grösser und mächtiger. Ich darf mir die Angst zugestehen und mir gestatten, nicht immer stark zu sein, sondern eher ein Selbstmitgefühl zu entwickeln und einen liebevollen Umgang mit mir selber zu üben. Wir sollten uns aber auch vor Augen führen, dass wir mit den Sorgen nicht alleine sind. Wichtig ist nun, die Verbundenheit miteinander zu fühlen und uns ­gegenseitig mit Freundlichkeit zu ­unterstützen. Das chinesische Zeichen für Krise besteht übrigens aus den Symbolen für Gefahr und Chance. Nutzen wir die Chance, so gut es möglich ist.

Was bedeutet ein liebevoller ­Umgang mit sich selber?

Für sich selber herausfinden und experimentieren, was mich in dieser Zeit nährt und unterstützt. Wer vorher vielleicht gerne in die Sauna gegangen ist, gönnt sich jetzt ein warmes Bad. Wer vorher zwei Mal in der Woche ins Fitness-Studio ­gegangen ist, versucht nun zuhause ein Sportprogramm. Vielleicht probiere ich auch mal etwas Neues aus wie zum Beispiel ein neues Kochrezept. Aktuell gibt es zum Beispiel viele Achtsamkeitsangebote, aus denen sich jeder sein passendes Programm herauspicken kann. Die Idee ist, den eigenen Mahnfinger zu senken und in einer schwierigen Situation freundlich mit sich selber zu sein.

Apropos Sport: Wie wichtig ist ­Bewegung?

Immens. So lange es möglich ist und wir keine Ausgangssperre ­haben, die uns hoffentlich erspart bleibt, sollten wir an die frische Luft gehen und uns bewegen. Ich gehe jeden Morgen sehr früh laufen, wenn fast noch keine anderen Leute unterwegs sind. Studien haben gezeigt, dass schon eine halbe Stunde Bewegung an der frischen Luft die gleiche Wirkung hat wie ein leichtes Antidepressivum. Bewegung in der Natur ist unter ­anderem sehr nützlich zur Unterstützung unseres Immunsystems. Ausserdem füllen wir mit Tageslicht unseren Vitamin-D-Speicher auf, was sich ebenfalls günstig auf unsere Laune auswirken kann.

Viele Familien hatten für die anstehenden Frühlingsferien Ferien gebucht. Diese fallen nun aus. Wie kann ich mit dem Frust umgehen?

Ja, das ist natürlich eine Enttäuschung. Ich empfehle jedoch, nicht zu hadern. Das ist Zeitverschwendung. Es bringt gar nichts, sich darüber zu ärgern. Jetzt stellt sich vielmehr die Frage: Wie und wozu kann ich die Zeit sinnvoll nutzen? Wir können die jetzigen Gegebenheiten annehmen und gestalten – viel Anderes bleibt uns gar nicht übrig.

Zu den Gegebenheiten zählt auch das Homeschooling. Sie sind selber Mutter: Wie läuft das bei Ihnen?

Es war auch für uns eine Umstellung. Unterdessen läuft es aber gut. Wir haben uns mit unserer Tagesstruktur nur dem Biorhythmus der Kinder angepasst. Die schlafen jetzt halt länger und beginnen später mit dem Lernprogramm. Grundsätzlich ist ein Rhythmus aber wichtig. Wir haben zum Beispiel Fixpunkte wie Pausen und feste Essenszeiten vorgegeben.

Gerade bei Familien, die auf engem Raum wohnen, droht ein Lagerkoller. Wie kann ich den vermeiden?

Die aktuelle Situation verstärkt das Grundgefühl. Hatte man es vorher schon gut miteinander, hat man es nun vielleicht besser. War es vorher schon schwierig, könnte es jetzt noch schwieriger werden. Für ein gutes Miteinander darf sich jeder Freiräume schaffen – auch zeitlich. Das kann heissen, dass einer für eine Stunde ein Zimmer ganz für sich hat. Einen Freiraum schaffen, kann auch bedeuten, sich konkret eine Sorgenzeit vorzunehmen. Ein Beispiel: Ich nehme mir vor, mir nur von vier bis halb fünf Sorgen zu machen. Wenn sich zu einer anderen Zeit negative Gedanken und Ängste melden, vertröste ich sie bewusst auf diesen Zeitraum. So kann ich einen negativen Gedankenkreis, der permanent durch meinen Kopf geistert, unterbrechen.

Zurzeit läuft das Leben fast ausschliesslich digital und medial. Wie empfinden Sie das?

Ich reduziere meinen Medienkonsum auf ein Minimum. Es gibt plötzlich so viele Experten, die ihre Mutmassungen und Annahmen verbreiten. Das Thema ist omnipräsent und bekommt viel Raum. Meine Freundin schaut im Moment keine Tagesschau mehr, weil sie danach nicht schlafen kann. Es reicht völlig aus, sich kurz über die Fakten zu informieren. Schön finde ich, dass wir dank der Technik auch die Möglichkeit ­haben, trotz räumlicher Distanz Kontakt zu halten und verbunden zu sein.

Interview: Birgit Müller-Schlieper

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