Zollikon

«Kinder lassen sich von Masken nicht irritieren»

Plädiert für vollumfängliche Schulöffnungen: Kinderärztin Katrin Fasnacht. (Bild: mmw)

Katrin Fasnacht ist Beleg­kinder­ärztin und Inhaberin einer Inhouse-Kinderarztpraxis in der Klinik Hirslanden. Im Interview spricht sie über die Ruhe vor dem ausgebliebenen Sturm, ihre ersten Hausbesuche und ihren Wunsch nach kompletten Schulöffnungen.

Wie haben Sie die letzten sechs Wochen seit dem Lockdown erlebt?

Der Beginn war schlichtweg verrückt. Übers Wochenende stellten wir Überlegungen an, wie das Team mit Medizinstudenten, jungen ­Ärztinnen, Hebammenschülerinnen und Praktikanten aufgestockt ­werden könnte für allfällige Notfallszenarien. Mussten wir doch damit rechnen, dass aus unserem aus sieben Kinderärzten bestehenden Dienstteam jemand ausfällt, weil er in Quarantäne gehen muss.

Zu Beginn stand also die Frage der personellen Ressourcen im Zentrum. Wie ging es weiter?

Schnell haben wir festgestellt, dass es in der Praxis ziemlich ruhig ist. Viel ruhiger als normalerweise. Es war quasi die Ruhe vor dem Sturm – vor einem Sturm jedoch, der nie eingetroffen ist. Von der Saison her waren die grippalen Infekte generell am Zurückgehen. Ruhig war es aber auch deshalb, weil viele in dieser unsicheren Zeit lieber auf einen Kinderarztbesuch verzichten wollten.

Vorsorgeuntersuchungen für den Nachwuchs wurden lieber auf später verschoben?

Dieser Wunsch war da, ja. Wir führten mehr telefonische und Beratungen per E-Mail durch. Zum Glück hatten wir nie das Gefühl, etwas verpasst zu haben, dass es also Eltern mit kranken Kindern geben könnte, bei denen ein Arztbesuch angezeigt gewesen wäre. Das Bundesamt für Gesundheit und die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie empfehlen, in der Corona-Krise Vorsorgeuntersuchungen bei kleinen Kindern bis zwei Jahre wenn immer möglich zeitgerecht durchzuführen. In diesem Alter ist die Entwicklung der Kinder so rasant, dass wir in der Gesundheitsvorsorge unbedingt am Ball bleiben müssen und nichts verpassen dürfen. In den ersten Jahren stehen ja auch viele Impfungen an. Würden diese nicht durchgeführt, stünden wir später vor ganz anderen Problemen.

Kamen Ihre Empfehlungen an?

Bei den allermeisten Eltern schon. Es gab aber auch solche, die sich so vor einer Ansteckung im Spital fürchteten, dass sie partout nicht vorbeikommen wollten.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Mit Hausbesuchen. Gerade letzte Woche habe ich eine junge Mutter mit ihren ein- und zweijährigen Söhnen besucht. Seit Wochen hat sie ihr Haus nicht mehr verlassen, lebte mit ihren zwei Kleinkindern nur noch zu Hause. Einen Grund dafür wegen Vorerkrankungen gab es in dieser Familie nicht, aber da war dennoch diese immense Angst vor einer Ansteckung. Diese galt es ernst zu nehmen, also besuchte ich sie zuhause und impfte die Kinder vor Ort.

Wie haben die ganzen Schutzmassnahmen Ihre Arbeit verändert?

Eine Maskenpflicht im Kontakt mit Patienten herrscht bei uns seit Beginn. Interessanterweise reagieren die Kinder darauf kaum. Für sie spielt es anscheinend keine grosse Rolle, ob eine Ärztin eine Maske trägt oder nicht; sie können sehr gut damit umgehen und lassen sich davon nicht irritieren. Auch für mich selber war es keine grosse Umstellung, bin ich es mir von der Ausbildung als Kinderchirurgin her doch gewohnt, Masken zu tragen. Auch das Händewaschen ist für uns an der Tagesordnung, also war auch dies keine Neuerung. Der grösste Einschnitt betraf das Wochenbett, wo Väter keinen Zutritt mehr hatten.

Väter dürfen bei der Geburt dabei sein, müssen danach das Spital aber verlassen.

Genau. Schwierig war dies besonders zu Beginn, als es noch Frauen im Wochenbett gab, denen wir von einem Tag auf den anderen erklären mussten, dass ab sofort keine Besuche mehr erlaubt sind. Mit der Zeit waren die Regeln bekannt und das Verständnis vorhanden, weil das Thema mittlerweile angekommen war. Es gab sogar Rückmeldungen von Müttern, welche die Besuchsverbote gar nicht so schlimm fanden, weil sie sich dadurch in Ruhe Zeit nehmen konnten für ihre Neugeborenen. So hat die Situation zwar ihre schwierigen, zum Glück aber auch ihre schönen Seiten. Und seit dieser Woche dürfen die Väter wieder zu ihren Frauen und Kindern aufs Wochenbett zu Besuch kommen.

Es heisst, dass Kinder, die das Coronavirus haben, häufig an Fieber, Halsschmerzen, Husten oder leichtem Durchfall leiden. Symptome, die in Kinderpraxen an der Tagesordnung sind. Werden Kinder automatisch auf Covid-19 getestet?

Bis letzte Woche nicht, denn die bisherige Teststrategie sah dies bei einem nicht kritisch kranken Kind nicht vor. Die Strategie wurde nun aber angepasst. So testen wir zurzeit jedes symptomatische Kind in einem Provisorium vor der Klinik. Primär geht es darum, die Fälle so niedrig wie möglich zu halten und jeden zu erkennen, um ihn isolieren und die Kontakte nachverfolgen zu können.

Haben Sie selbst Fälle von Kindern mit Covid-19 erlebt?

Nein, noch keinen einzigen.

Begrüssen Sie es, dass die Schulen am 11. Mai wieder aufgehen?

Absolut! Epidemiologisch wissen wir inzwischen, dass Kinder nicht als Virenschleudern gelten. Daher finde ich es nur richtig, dass die Schulen wieder aufgehen – und zwar vollumfänglich und nicht wie jetzt im Kanton Zürich nur für Halbklassen. Ich rede da als Ärztin und als Mutter, denke aber insbesondere auch an Kinder mit Eltern, die aus diversen Gründen nicht gut für ihren Nachwuchs sorgen können und für die die Schule ein sicherer Hafen ist. Denn genauso wichtig wie ein gesunder Körper ist auch ein gesunder Geist. Viele Eltern kommen derzeit an ihre Grenzen, sie jonglieren gleichzeitig mit mehreren Aufgaben und auch neuen Verantwortungen. Kommen dann noch Jobunsicherheiten oder Beziehungsprobleme dazu, wird es schnell einmal sehr schwierig für alle Beteiligten.

Sie sind Mutter dreier schulpflichtiger Kinder. Wie haben Sie sich organisiert?

Als Kinderärztin arbeite ich in einem systemrelevanten Beruf und durfte daher die Notfallbetreuung der Schule Zollikon in Anspruch nehmen. Ihr war und bin ich enorm dankbar, denn gerade mit mehreren Kindern zuhause ist die Bewerkstelligung von Homeoffice und Homeschooling kaum möglich. Den Betreuerinnen der Schule möchte ich einen grossen Kranz winden – unsere Kinder waren stets sehr gut und fürsorglich betreut. Dass den sogenannten Care-Berufen nun Tribut gezollt wird, finde ich enorm schön.

Was raten Sie Familien?

Händewaschen und Abstandhalten sind das A und O. Masken bergen falsche Sicherheiten, besonders, wenn man es nicht gewohnt ist, mit einer solchen im Gesicht zu agieren. Ein Augenmerk sollte auch auf die Handpflege gelegt werden – durch das häufige Händewaschen haben wir Kinder mit schlimmen Händen gesehen. Die Hände brauchen Pflege.


Mit Katrin Fasnacht sprach Melanie Marday-Wettstein
 

Zur Person

Dr. med. Katrin Fasnacht, 42, hat ihre Ausbildung zur Fachärztin für Kinderchirurgie und Kinder- und Jugendmedizin in Frankfurt, Lyon, Luxemburg und Zürich absolviert. Nachdem sie im Kinderspital Zürich und im Stadtspital Triemli gearbeitet hatte, eröffnete sie 2017 die kindermedizin in der Klinik Hirslanden. Sie betreut Neugeborene, begleitet Familien durchs Wochenbett, macht Vorsorgeuntersuchungen und versorgt kindliche Notfälle. Katrin Fasnacht lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Alter von 5 bis 10 Jahren in Zollikon.

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