Zollikon

5G – trotz brütender Hitze bleiben die Köpfe kühl

Ein heiss umstrittenes Thema an einem heissen Abend – da waren kühle Köpfe gefragt: Der Quartierverein Zollikerberg organisierte einen Diskussionsabend zu 5G mit Befürwortern und Gegnern. (Bild: chi)

Im Kirchgemeindehaus Zollikerberg trafen Befürworter und Gegner der umstrittenen neuen Mobilfunktechnologie 5G auf­einander. Zu einem richtigen Streitgespräch kam es an jenem Abend aber nicht.

Am Donnerstagabend lud der Quartierverein Zollikerberg ins reformierte Kirchgemeindehaus. Informiert wurde über den geplanten Ausbau des Mobilfunknetzes auf den 5G-Standard, von dem auch zwei Antennen auf dem Gemeindegebiet Zollikon betroffen sind. Das kontroverse Thema hätte vermutlich mehr Teilnehmer angelockt, doch war die Badi bei den tropischen Temperaturen wohl für viele verlockender. So blieben die Ränge im Saal nur knapp zur Hälfte besetzt.

Nach einer Begrüssung durch Vereinspräsident Fritz Wolf sagte Gemeinderat und Bauvorstand Martin Hirs ein paar erklärende Worte zur baurechtlichen Situation. Dann gab er das Mikrofon weiter an Jürg Studerus, der im Namen der Swisscom sprach. Für ihn ist 5G nichts als eine weitere Evolutionsstufe in der Geschichte des Mobilfunks. 5G – was übrigens für 5. Generation steht – sei derzeit so heiss umstritten wie damals der 2003 eingeführte Standard 3G. So wie heute niemand mehr davon rede, werde auch die Kontroverse um 5G längst vergessen sein, wenn in nicht allzu ferner Zukunft 6G, 7G und 8G zu Standards werden.

Umstritten ist 5G vor allem wegen der weitgehend unerforschten Auswirkung der Strahlung auf den menschlichen Organismus. Derlei Diskussionen sind laut Jürg Studerus so alt wie die Geschichte des Mobilfunks. Schon Anfang der 90er-Jahre hätten Kritiker vor den Gefahren von Handystrahlung gewarnt. Diese Gefahren seien aber von wissenschaftlicher Seite nie bestätigt worden. «Fakt ist, dass wir immer älter werden und dass wir immer länger gesund bleiben.»

Ein Indiz dafür, dass Handystrahlung keinen negativen Einfluss auf den Menschen hat, sieht Jürg Studerus darin, dass die Anzahl von an Hirntumor Erkrankten seit der Durchsetzung von Handys und Smartphones nicht zugenommen hat. Er gibt zwar zu, dass die Kurve bei psychischen Belastungserkrankungen wie Burn-outs oder Depressionen nach oben zeigt; den Zusammenhang mit der Forderung nach ständiger Verfügbarkeit, welche die konstante Verbesserung der Mobilfunk-Technologie mit sich bringt, stellt Jürg Studerus allerdings nicht her.

Neuer Wein in alten Schläuchen

Der Swisscom-Vertreter setzt seinen Akzent insbesondere auf die Vorteile von 5G, etwa die hohe Kapazität oder die kurze Reaktionszeit. Die neue Technologie nutze bekannte Frequenzen, habe sich dabei an eine gesetzlich festgelegte Obergrenze zu halten und sei deshalb nichts weiter als «neuer Wein in alten Schläuchen.»

So weit, so harmlos also? Der nächste Redner sieht das vollkommen anders. ETH-Baubiologe Peter Schlegel erklärt zu Beginn seines Referats, dass er in den letzten 20 Jahren rund 1000 Menschen getroffen habe, die unter der Strahlung litten. Das nimmt er als Basis für seine Ausführungen, die auf die Gefahren unseres Bedarfs nach immer mehr Bandbreite hinweisen. Für Peter Schlegel ist 5G ein Marketing- und kein Technologiebegriff. Der Netzausbau diene vor ­allem jenen, die Filme schauten – gemeint sind vor allem die Benutzer von Netflix und anderen Streaming-Anbietern. Dieser Ausbau geschehe in einem rechtlichen Grenzbereich: «Eine Messmethode für die Grenzwertkontrolle ist noch nicht entwickelt.»

Breiter Widerstand in den USA

Ein Blick auf die USA soll verdeutlichen, wo uns die technologische Reise noch hinführt. Dort sind laut Peter Schlegel Virtual Reality oder das sogenannte Internet der Dinge, mit dem sich etwa Haushaltsgeräte untereinander vernetzen, schon viel verbreiteter als hierzulande. Umso breiter sei in den USA auch der Widerstand gegen den technologischen Ausbau. Denn die genannten Technologien funktionierten mit sogenannten Millimeterwellen, deren Auswirkung auf den menschlichen Körper noch unerforscht sei.

Weiter geht Peter Schlegel auf Studien ein, die von entsprechenden Interessengruppen wie Telekommunikationsunternehmen in Auftrag gegeben wurden und Forschungsergebnisse immer nach ihrem Gusto darstellen würden.
Schliesslich spannt der Referent den Bogen zurück zu den Personen, die unter dem Einfluss schädlicher Strahlung leiden. Er zeigt einige ­Porträts von «elektrosensiblen Menschen», unter anderem Moritz Leuenberger, der aufgrund von Strahlung seine Wohnung habe wechseln müssen. Studien zu diesem Thema seien meist mit jungen, gesunden Probanden gemacht worden. Dabei seien es aber vor allem gesundheitlich angeschlagene Menschen, deren Leiden sich in der Nähe von Mobilfunkantennen verstärken würden.

Bei der anschliessenden Fragerunde schien zwischen den beiden Experten beinahe Harmonie zu herrschen. Beide waren sich einig, dass die aktuellen Mobilfunk-Antennen wegen der grossen Nachfrage nach Streaming am Limit laufen. Und beide gaben zu, dass bei dieser Sachlage ein Ausbau der Mobilfunk-Technologie unumgänglich sei. Da sich beide Referenten auf unterschiedliche Studien beriefen, um ihre Thesen zu stützen, blieb die Meinungsbildung, wie schädlich 5G-Strahlung nun tatsächlich ist, weitgehend dem einzelnen Zuhörer überlassen. (chi)

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