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«Die grösste Herausforderung für uns ist eine menschliche»

Besuchsverbot: Heimleiter Nebojsa Racic vor den verschlossenen Türen des Wohn- und Pflegezentrums Blumenrain. (Bild: chi)

Um die Bewohnerinnen und Bewohner vor dem Coronavirus zu schützen, hat das Wohn- und Pflegezentrum Blumenrain in Zollikon seine Besuchszeiten bis zum 30. April ausgesetzt. Heimleiter Nebojsa Racic erklärt im Interview, was das für ­Bewohnende, Angehörige und Mitarbeitende bedeutet.

Herr Racic, seit dem 13. März gilt im Blumenrain absolutes Besuchsverbot. Wie haben Bewohner und Angehörige diese Massnahme aufgenommen?

Grundsätzlich ist grosses Verständnis für die aktuelle Situation vorhanden. Täglich sogar immer mehr, weil immer deutlicher wird, wie ernst die Lage ist. Schwierig ist es dort, wo intensive Beziehungen zwischen Bewohnerinnen und Angehörigen gepflegt wurden. Wir sind aber dazu angehalten, die Massnahmen zum Schutz der Bewohner konsequent umzusetzen. Ausnahmen werden nur bei akuter Verschlechterung des Allgemeinzustands bewilligt. Dies wird immer gemeinsam im interdisziplinären Team besprochen und entschieden. 

Worin besteht die grösste Herausforderung für Sie als Heimleiter?

Die grösste Herausforderung ist tatsächlich eine menschliche, nämlich mitansehen zu müssen, wie bestehende Beziehungen zwischen Bewohnenden und Angehörigen unterbrochen werden müssen. Wir nehmen uns viel Zeit, um die Sorgen entgegenzunehmen und zu helfen, so gut es geht. Ansonsten haben wir vor allem technisch nachrüsten müssen, etwa bei den Türkontrollen oder der Optimierung des Alarmierungssystems. Auch haben wir viel Aufwand in die Schreiben an die Angehörigen investiert.

Welche Auswirkungen hat die Situa­tion auf das Personal?

Es ist sehr schön mitanzusehen, wie ruhig und besonnen das Personal auf die Krise reagiert. Die Schliessung der Schulen hat auch Auswirkungen auf unsere Mitarbeitenden mit Kindern. Hier mussten wir uns nach Lösungen für die Tagesbetreuung umsehen. 

Die Mitarbeitenden gehen abends nach Hause und kommen am Morgen wieder. Wie wird gewährleistet, dass durch sie das Coronavirus nicht ins Heim gelangt?

Diese Gefahr ist natürlich nicht auszuschliessen. Wir versuchen aber, uns dagegen bestmöglich zu schützen. Wer die Möglichkeit hat, auf den öffentlichen Verkehr zu verzichten, wird angehalten, sein Privatfahrzeug zu benützen. Ausserdem kennen die Mitarbeitenden den effizienten Umgang mit Desinfektionsmitteln. Bislang haben wir es als noch nicht notwendig befunden, dass das Personal Schutzmasken tragen muss. Wir halten jeden Morgen eine Krisensitzung ab, in der wir die Lage neu beurteilen und gegebenenfalls neue Massnahmen treffen.

Im obersten Stock des WPZ befinden sich Privatwohnungen und eine Arztpraxis. Ist der Zugang gewährleistet? 

Der Zugang ist momentan nur via Tiefgarage möglich, das Alters- und Pflegeheim wurde komplett von diesem Bereich abgetrennt. Die Zugangsberechtigungen zwischen dem Heim und dem oberen Stock mussten neu geregelt werden.

Waren Sie bisher auf externe Unterstützung, etwa durch Freiwillige oder den Zivilschutz angewiesen?

Nein, solche Schritte waren bisher nicht nötig. Obwohl es sich um eine Pandemie handelt, unterscheidet sich für uns der Umgang mit dem Coronavirus intern kaum von der Gefahr durch einen Norovirus, der immer wieder vorkommt. Der Norovirus ist sogar noch ansteckender. Wir haben schon Erfahrung damit, wie Ansteckungen innerhalb des Heims verhindert werden können – eben etwa durch besondere Vorsichts- und erhöhte hygienische Massnahmen.

Sie liefern auch Mahlzeiten an Senioren, die in Zollikon wohnen. Bleibt dieser Service bestehen?

Ja, der Mahlzeitenlieferdienst ist nach wie vor intakt und auch sehr gefragt. Wir liefern gewöhnlich im Zeitraum von 11.30 und 13.00 Uhr etwa 80 Mittagessen pro Tag aus, mit unseren Kapazitäten wären in dieser Zeit bis 120 Mittagessen möglich. Sollte die Nachfrage irgendwann noch höher steigen, müssten wir die Lieferzeiten wahrscheinlich ausdehnen.

Gibt es jetzt, da die Besuchszeiten wegfallen, ein umfangreicheres Beschäftigungsprogramm für die Bewohnenden?

Wir versuchen, das bestehende Programm so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Aktivierungstherapien, die von Mitarbeitenden angeboten werden, finden nach wie vor statt. Dabei achten wir auf die Anzahl der Teilnehmenden und auf die Grösse des Raumes. Da jeder Kontakt mit Aussenstehenden vermieden werden muss, fallen Unterhaltungsangebote mit externen Anbietern weg. Wir haben diese Woche auch einen Vortrag zum Coronavirus durchgeführt und an einer Seniorenratssitzung unter anderem Fragen zur aktuellen Situation beantwortet.

Wie verläuft die Zusammenarbeit mit dem Kanton?

Wir verfügen über Zugangsdaten, um jederzeit neues Schutzmaterial wie Desinfektionsmittel oder Masken bestellen zu können. Wir sind sehr froh, dass der Kanton für diese Situation Schutzmaterial zur Verfügung stellt. Wir als Institution können dieses jederzeit bestellen. Die Zusammenarbeit funktioniert reibungslos und wir sind um diese Form der Unterstützung sehr dankbar.

Was wünschen Sie sich von der Bevölkerung?

Wir müssen uns jetzt alle an die Regeln halten. Es ist ganz wichtig zu sehen, dass diese Pandemie nicht von einem Dorf, nicht von einem Staat und nicht von einem Kontinent, sondern nur global zu lösen ist. Wir können höchstens darüber spekulieren, wann ein Impfstoff gegen das Coronavirus verfügbar sein wird. Bis dann müssen wir alle zusammenstehen und sollten am selben Strick ziehen.

(Interview: Tobias Chi)

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