Zollikon

Ein Plädoyer für die Zuversicht

Spitalleiterin Orsola Vettori setzt auf Zuversicht und Flexibilität. (Bild: zvg)

Seit vergangener Woche dürfen auch im Spital Zollikerberg wieder nicht-dringliche Operationen vorgenommen werden. Im Interview äussert sich ­Orsola Vettori, Leiterin des Spitals, zum langsamen ­Hochfahren des Betriebs.

Frau Vettori, wie wurde die Wiederaufnahme des erweiterten Angebots angenommen? Kamen die Patientinnen und Patienten gleich wieder?

Es ist überraschend gut angelaufen. Während des Lockdowns waren von unseren 160 Betten durchschnittlich 60 frei. Das heisst, dass mehr als ein Drittel nicht belegt war. Mittlerweile ist die Kapazität der freien Betten auf unter 30 gesunken. Es werden also wieder mehr geplante Eingriffe durchgeführt, was uns als Betrieb natürlich freut.

Hält das Besuchsverbot Patienten eventuell davon ab, jetzt für eine Operation ins Spital zu gehen?

Das Besuchsverbot ist für fast alle Patienten sehr belastend. Das haben wir besonders in der Geburtshilfe erlebt, wo die Väter wirklich nur zur Geburt kommen durften. Am vergangenen Montag haben wir eine erste Lockerung eingeführt. Der Vater oder eine fest definierte andere Begleitperson darf für einen Besuch pro Aufenthalt auf die ­Maternité kommen, um Mutter und Kind zu sehen. Wir planen jetzt schon weitere Schritte, um die Situation zu erleichtern, so werden wir ab dem 11. Mai einen Besuch pro Tag auf der Maternité zulassen. Dabei haben wir natürlich immer die Sicherheit aller Beteiligten im Blick. Aber auch am anderen Ende des Altersspektrums ist es schwierig: Gerade ältere Patienten leiden unter dem Besuchsverbot. So gab es eine ältere Patientin, die äusserte, dass sie wahrscheinlich eher an der Abschottung als an dem Virus sterben werde.

Wir wissen von sehr leeren Stationen in den Deutschschweizer Krankenhäusern, haben aber auch verstörende Bilder aus italienischen Spitälern gesehen. Wie bekommen wir diese Bilder zusammen?

Vielleicht müssen wir damit leben, dass wir sie eben nicht zusammen bekommen. Wir kennen einige Anhaltspunkte für die wesentlich niedrigeren Zahlen in der Deutschschweiz. Unsere Behörden haben sehr früh reagiert – auch, weil sie auf die Erfahrungen aus Italien und China zurückgreifen konnten. Die Absage von Grossveranstaltungen und das Social Distancing haben da sicherlich geholfen. Ich glaube aber auch, dass es weitere Aspekte gibt, die wir noch gar nicht kennen.

Wurde für das Spital Zollikerberg Kurzarbeit angemeldet?

Ja, für einige wenige Abteilungen. Vor allem ambulante Bereiche – wie das Augenzentrum mit vielen ­Routineuntersuchungen – waren vom Verbot der nicht-dringlichen Behandlungen betroffen. Aber auch da haben wir ja nun grünes Licht für die Wiederaufnahme des Normalbetriebes erhalten und können die Behandlungsagenda wieder füllen. Bis wir aber auf Normal­niveau wie vor der Corona-Zeit sind, wird es sicherlich noch etwa zwei Monate dauern.

Sie sind auch im Vorstand des Verbands Zürcher Krankenhäuser VZK. Können Sie Angaben über die wirtschaftlichen Auswirkungen machen?

Der VZK hat eine grobe Berechnung gemacht, die davon ausgeht, dass während des Lockdowns im Kanton Zürich täglich ein Schaden von zehn Millionen Franken bei den Spitälern entstanden ist. Und auch jetzt, trotz der Lockerung, haben wir zusätzliche Aufwendungen. So müssen weiterhin sämtliche Eingänge gesichert werden und wir unterhalten immer noch einen Kinderhort für unsere Mitarbeitenden. Zudem muss für die Behandlung mehr Zeit eingeplant werden, um die Abstandsregelung im Behandlungsprozess einhalten zu können.

Sehen Sie auch die viel zitierte zweite Welle auf uns zurollen?

Dazu kann und will ich keine Aussage treffen. Die Wellen werden ja seit Monaten thematisiert und die unterschiedlichen Vorhersagen verursachen viel Besorgnis. Wir sollten uns vielmehr eine andere Sichtweise aneignen. Wir haben die erste Phase gut gemeistert und agieren alle umsichtig miteinander. Für den Fall einer Veränderung der Lage sind wir bestens vorbereitet und so flexibel, dass wir innert kürzester Zeit wieder auf das pandemische Konzept umstellen könnten. Ich bin aber zuversichtlich, dass dies nicht notwendig sein wird.

Das BAG geht davon aus, dass Kinder sich seltener infizieren und das Virus auch nur bedingt weitergeben. Aus Deutschland kommt nun eine ganz andere Studie. Wie gehen Sie mit so unterschiedlichen Interpretationen um?

Ich glaube, dass wir mit gewissen unterschiedlichen «Wahrheiten» und der damit verbundenen Unsicherheit leben müssen, und das ist gerade für Schweizer eine besondere Herausforderung. Wir wollen immer gerne gesicherte Erkenntnisse. Die gibt es aktuell nicht. Wir sollten uns jetzt aber nicht von der Angst leiten lassen, sondern positiv denken.


Mit Orsola Vettori sprach Birgit Müller-Schlieper

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